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Das Leben den bergsteigerischen Zielen unterordnen Drucken E-Mail
Donnerstag, den 04. Dezember 2008 um 17:38 Uhr

Artikel aus der NZZ vom Donnerstag, 4. Dezember 2008


Von Christine Kopp

Geduld und harte Arbeit – Ueli Stecks konsequenter Weg an die Spitze

Der Berner Ueli Steck gehört zu den weltbesten Bergsteigern. Hinter dem Erfolg dessen, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat, steckt jedoch viel Arbeit. Dass Steck dabei konsequent den Weg des Spitzensportlers geht, zahlt sich zunehmend aus.

Im Jahr 2003 eröffneten Stephan Siegrist und Ueli Steck in der Eigernordwand eine 900 Meter lange Sportkletterroute. Während der Interlakner Siegrist damals schon vom Bergsteigen leben konnte, stand Steck erst am Anfang seiner Laufbahn: Zwar hatte er durch Erstbegehungen und Solotouren auf sich aufmerksam gemacht, doch um vom Bergsteigen leben zu können, reichte es noch nicht aus.

Rückkehr an den Eiger
In diesem Sommer, fünf Jahre später, sind Ueli Steck und Stephan Siegrist an den Eiger zurückgekehrt. Nach einem mühsamen Auf und Ab, bedingt durch das unbeständige Wetter, konnte Steck schliesslich am 29. und 30. August alle 23 Seillängen erstmals frei klettern,  wobei er sie mit bis zu 8a bewertete. Ihre zu einem guten Ende geführte Kletterei, die schwierigste in der Eigernordwand, tauften die zwei Kletterer „Paciencia“ – eine Bezeichnung, die nicht nur für die Geschichte dieser Route steht, sondern auch für den geduldigen Aufbau der Laufbahn von Ueli Steck.

Foto: Robert Bösch

Nur drei Monate vor dem erfolgreichen Ausflug an die  „Paciencia“ war Ueli Steck vom Annapurna zurückgekehrt, wo er mit dem Zermatter Simon Anthamatten eine neue Linie in der Südwand begehen wollte. Das Duo brach sein Vorhaben – das mit einer grossartigen Erstbegehung am Sechstausender Tengkampoche begonnen hatte – ab, als der spanische Bergsteiger Iñaki Ochoa de Olza auf einer anderen Route am Annapurna auf 7400 Meter in Bergnot geriet. Steck und Anthamatten eilten dem Erkrankten zu Hilfe, Steck stieg bis zu Ochoa auf. Trotz den Medikamenten, die er ihm verabreichte, starb der Spanier Stunden später. Steck stieg am Tag darauf mit ungenügendem Material - seine warmen Schuhe und Kleider waren am Fuss der Südwand deponiert - und ohne Essen und Trinken ab.

Wenig später wurden er und Simon Anthamatten in der Schweiz mit dem Prix Courage ausgezeichnet: „Ein zweischneidiges Schwert“, sagt Steck, „sicher bin ich stolz auf diesen Preis. Aber Iñaki ist dort oben gestorben. Ich habe meinen Job nicht erfüllt, ihn nicht hinunter gebracht - und dafür werde ich ausgezeichnet?“ Das am Annapurna Erlebte habe ihm gezeigt, wie unnötig manche Diskussion unter Bergsteigern über Ethik und Stil seien. Am Schluss geht es um das nacktes Leben. Es habe ihm auch vor Augenb geführt, wie unnötig das Bergsteigen sei. „Und doch: Mir persönlich gibt es den Lebensinhalt. Man kann alles in Frage stellen: Hat es einen Sinn, dass wir überhaupt auf dieser Erde sind? Ich weiss einfach, dass ich hier eine gewisse Zeit zur Verfügung habe, und die möchte ich so gestalten, dass ich glücklich bin. Was will ich noch mehr? Ich kann bergsteigen, ich habe meistens ein warmes Essen auf dem Tisch und eine Frau, Nicole, die mich kürzlich sogar geheiratet hat …“

Nach der extremen Ausdauerleistung im Himalaja - als Vorbereitung darauf hatte er im Winter die Eigernordwand in der Rekordzeit von 2 Stunden 47 Minuten durcheilt - glänzte Ueli Steck am Eiger in der „Paciencia“ also kurz darauf wieder im Klettern, das ein ganz anders ausgerichtetes Training verlangt. Es gibt nur sehr wenige Bergsteiger, die auf diesem Niveau in zwei an sich weit auseinander liegenden Bereichen unterwegs sind. Ueli Steck sagt über die Zeit zwischen Annapurna und „Paciencia“: „Ich musste sehr konsequent sein. Nach der Expedition war ich körperlich ziemlich müde. Das haben Tests bestätigt. Aber ich hatte keine Zeit, um mich zu erholen. Ich habe sofort mit dem Sportklettertraining begonnen. Dabei gab es keinen Platz mehr für anderes – kein Bergsteigen, keine schöne Wanderung, nur noch eines: Klettern. Ich war psychisch auf einer Achterbahn, die Annapurna-Geschichte beschäftigte mich stark. So liess ich es mir mit Nicole in Spanien in den einzigen zwei Wochen Ferien unmittelbar nach der Expedition gutgehen, auch wenn wir daneben viel kletterten. Das Resultat: 75 Kilo! Ende Juli war ich dann wieder fit und 65 Kilo schwer.“

Trainieren nach Jahresplan
Zwar sind viele Bergsteiger – wir sprechen nicht von (Fels-)Sportkletterern, sondern von Bergsteigern, die grosse Touren in Eis, Fels und Schnee unternehmen – gute Allrounder; sie gehen aber bei der Vorbereitung oft ohne genaue Vorgaben vor. Anders Steck: Seit einiger Zeit trainiert Steck wie ein Profisportler. Er arbeitet mit Simon Trachsel, dem Trainer und Physiotherapeuten des Bundesamts für Sport, zusammen. In Magglingen kann er seine Tests und Höhentrainings bestreiten. In Vergleichen mit dem OL-Nationalkader überprüft Steck seine Form. Er trainiert nach einem Jahresplan, in dem er Klettern und Grundlagenausdauer verbindet. „Eine 8b klettern und einen Marathon in guter Zeit laufen – das ist möglich. Seien wir ehrlich: Was ist schon eine 8a? Im heutigen Klettern ist das ein bescheidenes Niveau, das man als Profibergsteiger einigermassen locker draufhaben sollte – sonst sollte man den Beruf wechseln! Selbstverständlich kann ich aber nicht in beiden Bereichen gleichzeitig harte Trainings machen.“

Leben wie ein Athlet
Weiter lässt sich Ueli Steck von dem Ernährungswissenschafter Christoph Mannhart – der auch eine gewisse psychologisch-betreuende Funktion innehat – beraten: Stecks Problem ist, dass er sich für eine Expedition im Himalaja ein paar Kilos anfuttern, aber für Topleistungen im Klettern leicht sein muss: „Beim Sportklettern kann ich bei 174 Zentimeter Grösse auf 64 Kilo gehen, aber wenn ich immer auf diesem Gewicht trainieren würde, hätte ich mehr Probleme mit Verletzungen. Für eine Expedition gehen wir auf 69 bis 70 Kilo. Auch hier machen wir eine Periodisierung, je nach Fokus – Klettern oder Ausdauer.“ Je nach Phase variiert er den Kohlenhydrat- und Eiweissanteil in seiner Ernährung. Zugute kommt ihm, dass er selber gerne kocht – auch wenn tagsüber manchmal Energieriegel genügen müssen.

Der Aufbau für die nächste Expedition im Herbst 2009 läuft bereits. Im Frühjahr hat Steck aber noch ein Kletterprojekt. „So läuft im Moment beides: Klettern und Ausdauer. Mir persönlich macht das Training nach genauem Plan riesigen Spass, und das ist am Ende ausschlaggebend für den Erfolg.“ Darin unterscheidet sich Ueli Steck von vielen anderen Profibergsteigern: Er lebt nicht nur wie ein Athlet – „mein Tagesablauf ist vom Training abhängig“ –, er ordnet seinen bergsteigerischen Zielen auch sein ganzes Leben unter. Damit bringt er eine Einstellung mit, die im Spitzenbergsteigen (noch) nicht sehr verbreitet ist oder zumindest nicht gerne offen angesprochen wird. Zu sehr ist das Bergsteigen immer noch „mystifiziert“; das grosse Publikum mag das Wort Berg-„Sport“ nicht und ist sich auch oft des Aufwands für Höchstleistungen nicht bewusst: Bergsteigen auf hohem Niveau verlangt nicht nur hervorragende technische, koordinative und mentale Fähigkeiten, sondern auch eine umfangreiche und perfekte körperliche Vorbereitung.
Ueli Stecks Fernziel ist klar: „Wirklich technisch schwierige Wände an den Achttausendern im Alpinstil – da gibt es ein riesiges Potenzial.“ In der Zwischenzeit trainiert er konsequent weiter. „Ich bin zufrieden so, auch wenn mir die Zeit für ein Bier mit Freunden fehlt. Alles kann man nicht machen, es ist besser, wenn man das zu akzeptieren lernt.“ Und dann meldet sich Ueli Steck ab, schnürt seine Turnschuhe und geht hinaus in Wind und Wetter. Am Abend wird er, nach drei Stunden Lauftraining und einer weiteren Stunde Stretching, für sich und seine Frau kochen. Um dann, einmal mehr, „relativ müde“ ins Bett zu sinken. „Paciencia“, Geduld, gute Kommunikation und harte Arbeit: Das ist der Alltag eines Berufsbergsteigers von heute.
 

Der schnellste Mann am Berg

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