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Detailbericht / Erfolg am Shisha Pangma Drucken E-Mail
Donnerstag, den 21. April 2011 um 17:20 Uhr
Zurück im Basislager. Die angekündigte Schlechtwetterfront hat uns erreicht. Ich bin froh, in meinem warmen Schlafsack im Zelt zu liegen. Alles ging Schlag auf Schlag und sehr spontan. Am Tag nach Erreichen des Basislagers steigen mein Partner Don Bowie, Rob Frost, der Kameramann, und ich ins sogenannte Vorgeschobene Basislager oder ABC. Unsere Rucksäcke sind schwer beladen. Wir gehen zum Akklimatisieren. Wir haben reichlich Essen dabei und ein grosses komfortables Zelt. Der Aufstieg dauert ca. 3 ½ Stunden. Von hier ist der Wandfuss in ca. 2 ½ Stunden erreichbar. Don und ich sind überwältigt von der Wand. Sieht prächtig aus. Wir besprechen das weitere Vorgehen. Don hat sich im Unterschied zu mir noch nicht an die dünne Luft gewöhnt, er braucht noch etwas Zeit. Ich habe einen Monat im Khumbu Valley verbracht,  theoretisch könnte ich einen Gipfelversuch wagen. Bin mir dabei aber auch nicht ganz sicher. Im Khumbu Valley hatte ich mit dem Cholatse eine Höhe von 6440m erreicht. Ob das ausreicht oder nicht - schwer zu beurteilen. Don will erstmal zwei Nächte hier auf 5800 Meter übernachten. Ich habe den Wetterbericht, und er verspricht für Sonntag perfektes Wetter. Praktisch Windstill auf 8000 Meter und mit -12 °C relativ warm für diese Jahreszeit. Wir sind neugierig auf die Bedingungen in der Wand. Für Don ist klar: ein weiterer Tag im Lager. Ich würde gerne mal die Wand anschauen. Also frage ich Don, ob es ihn stressen würde, wenn ich die Wand anschaue? Er antwortet, ich solle unbedingt gehen, wenn möglich bis zum Gipfel. Ich bin skeptisch. Ich denke nicht, dass ich bereits zum Gipfel aufsteigen kann. Und zudem sind wir zu Zweit hier, wir wollen gemeinsam klettern.  Er betont noch einmal, dass ich gehen soll, ich solle es versuchen.

Klar, es ist ein grosser Traum von mir, eine grosse Himalaya-Wand solo zu durchsteigen. Am Liebsten in einem Tag. Aber ich sehe darin eine Idee, die ich sehr wahrscheinlich nie umsetzen kann. Don und ich sind uns einig, dass ich mal die Bedingungen in dieser 2000 Meter hohen Wand auskundschafte. Rob und Don stimmen darin überein, dass ich auf den Gipfel gehen solle. Mein Plan ist es, die Bedingungen auszukundschaften, bis auf 7000 oder vielleicht 7200 Meter und dann wieder abzusteigen, um so eine zusätzliche Akklimatisation zu haben.

22.30 Uhr am Abend verlasse ich das Lager. So früh, um unbedingt vor dem Sturm zurück zu sein.Nach 5 Minuten höre ich Don hinter mir: „Hey Ueli!“ Ich drehe mich um. „Die brauchst Du sicher,“ und er gibt mir meine Daunenhosen. Ich habe sie im Zelt liegen lassen. Das fängt ja gut an. Jetzt habe ich hoffentlich alles. Ich steige weiter ab bis zu den kleinen gefrorenen Seen unterhalb des Gletschers. Hier mache ich einen Halt und wechsle meine Schuhe. Ich habe bereits im Zelt meine Übergamaschen auf die Schuhe montiert. Das heisst, mit diesen Übergamaschen kann ich nur mit Steigeisen klettern, so die Moräne abzusteigen, wäre mühsam gewesen. Darum habe ich die Schuhe auf den Rucksack gebunden und bin mit den Turnschuhen abgestiegen. Jetzt bin ich am Rand des Eises und ziehe die Expeditionsschuhe an. Weiter geht es über den Gletscher. Der Mond leuchtet so hell, dass ich die Wandkonturen erkennen kann. Ich sehe aber auch die gefürchteten Seracs über mir. Einfach so schnell wie möglich an den Einstieg, denke ich mir. Aber erst nach 2 ½ Stunden erreiche ich den Bergschrund. Ich klettere eine Rinne hoch. 55 Grad steil, perfekte Schneeverhältnisse, wie am Cholatse ein paar Wochen zuvor. Ich komme ruhig und stetig voran.  Ich schaue mich um, das Mondlicht leuchtet die ganze Wand aus. Wie praktisch. Ich steige hoch zur Traverse in der Britischen Route. Vor der Traverse bemerke ich bereits Steinschlag. Und das mitten in der Nacht.  Nein, ich gehe ganz sicher nicht in dieses Couloir, wenn es schon jetzt Steine hagelt. Was, wenn erst einmal die Sonne in die Wand scheint. Absteigen? Ich schaue auf den Höhenmeter: erst 6800 Meter. Mein Minimalziel sind 7000. Rechts neben mir zieht eine breite Schneerinne weiter. Das scheint mir aussichtsreicher. Ich kann auch nichts Beunruhigendes hören. Aber ich habe keine Ahnung, wo diese Rinne endet. Minimum 200 Meter kann ich hier noch Hochsteigen, denke ich, dann hätte ich ja auch die gewünschte Akklimatisationshöhe erreicht. Ich gehe weiter. Es läuft wie von selbst. Ich bin schnell unterwegs. Ich habe weder das Gefühl intensiver Anstrengung noch, dass ich mich ausgesetzt in einer hohen Wand befinde. Ich habe ein vertrautes Gefühl, bin eins mit dem Ganzen. Ich steige noch ein bisschen. Ich sehe, wie über mir das Schneecouloir im steilen Fels endet. Ich klettere rechtshaltend in ein weiteres Couloir. Die Neigung ist gemächlich, meisten um die 55 vielleicht 60 Grad. Meine Waden machen sich langsam bemerkbar. Zwischendurch ist die harte Schneeauflage durch Eis unterbrochen, aber meist nur für kurze Zeit. Ich befinde mich jetzt schon über 7200 Meter. Umdrehen? Ich habe meiner Frau versprochen, keine Solos mehr zu machen. Aber das hier ist kein echtes Solo. In diesem Gelände würde man auch in Seilschaft nicht wirklich sichern. Man verliert dabei zu viel Zeit, und es ist nicht unbedingt nötig. Ich halte das für vertretbar, und ich sehe schon den Ausstieg. Rauf oder runter. Runter ist auch weit. Also weiter rauf ! Die Wand wird etwas steiler. Die Luft ist jetzt schon recht dünn, und über mir treffen die ersten Sonnenstrahlen auf den Grat!
Die Rinne verengt sich. Jetzt befinde ich mich in einem schmalen Couloir. Der Ausstieg ist nicht mehr weit, und die Eisauflage ist zum Teil recht dünn. Ich spüre eine gewisse Müdigkeit, aber nicht schlimm. Die Pickelschläge sind immer noch präzise, ich treffe das Eis exakt dort, wo ich will. Ich suche immer kleine Mulden im Eis oder Stellen, wo das Eis etwas heller ist, sprich weniger hart. Das Effizienteste ist, wenn die Pickelhaue mit einem Schlag fest im Eis steckt. Auf dem Grat herrscht jetzt Windstille, und die Sonne versprüht ein warmes Gefühl. Von hier geht es noch weit über den Grat zum Gipfel. Ich lasse all mein Material zurück. Die paar Kilo sind zwar nicht viel, aber trotzdem ist es deutlich weniger anstrengend, ohne jeglichen Ballast zu klettern. Ich schaue noch einmal, ob sich meine Kamera erholt hat. Aber die kalten Temperaturen der Nacht haben meine Kameraakkus erschlaffen lassen. Kein Strom mehr. Meter für Meter keuche ich über den Grat, quere, steige wieder höher bis zum Hauptgipfel. Es ist ziemlich genau 11.40 Uhr als ich den höchsten Punkt erreiche. Ich schaue kurz rum und steige gleich wieder runter. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir. Ich muss heute noch bis zurück in Vorgeschobene Basislager. Meteotest hat mir eine Warnung aufs Satellitentelefon geschickt. „Der Jetstream hat einen Schwenk gemacht, du musst unbedingt vor Montagmittag zurück sein. Sturm und eine Schlechtwetterfront.“ Ziemlich schnell bin ich wieder bei meinem Rucksack. Die Sonne brennt, ich trinke einen Schluck Energiedrink. Der Abstieg zum Sattel ist der reinste Horror. Hier auf der Nordseite liegt hüfttiefer Pulverschnee. Ich bereue, dass ich nicht dieselbe Route abgestiegen bin wie beim Aufstieg, jetzt muss ich bis zu diesem Sattel auf ca. 7200 Meter. Hier sind auch die Britten abgestiegen, dafür müssen sie einen Grund gehabt haben. Als ich im Sattel ankomme, traue ich meinen Augen nicht. Zuerst geht’s durch eine schmale Rinne aus losem Gestein, ziemlich steil. Dann wechseln sich Schnee, Eis und Fels ab. Die Rinne will und will einfach nicht enden. Danach bin ich in einem breiten Couloir. Relativ gute Firnverhältnisse, aber so steil, dass ich alles rückwärts abklettern muss. Überall hängen alte Reste von Fixseilen. Immer wieder pausiere ich. Ich muss mich konzentrieren. Dann klettere ich wieder weiter. Weit unter mir ist der etwas flachere Gletscher, er kommt aber nur zögerlich näher. Schritt für Schritt geht es nach unten. Dann wird der Firn etwas weicher. Ich kann auf meinen Frontzacken runterrutschen. Ich schlage nur meine Eisgeräte ein, um nicht zu schnell zu werden. Das ganze braucht enorme Kraft in den Waden, um die Füsse stabil zu halten. Dafür geht es jetzt recht zügig. Ich erreiche den Gletscher, hier muss ich wieder zur Aufstiegsroute queren und dann wieder runter zum Einstieg. Es sind immer noch fast 1000 Höhenmeter, die mich vom Einstieg trennen. Auf dem Gletscher bin ich extrem wachsam. Ich kontrolliere jeden Schritt, schaue auf die grelle Schneefläche. Hier hat es Spalten und ich muss aufpassen, dass ich nicht in ein Loch falle. Ich gehe etwas langsamer, um meinen Weg zu kontrollieren. In der Einstiegsrinne nehme ich meine gesammelten Titan-Eisschrauben zu Hand und mein 4mm 60 Meter Seil. Ich seile mich so weit ich kann ab. Mein Material reicht nicht ganz bis zum Schluss. Aber die letzten 200 Meter sind nicht mehr so steil und ich erreiche den Einstieg. Ich bin heilfroh. Ab jetzt gibt es keine technischen Probleme mehr bis zu unserem Zelt. Ich gönne mir wieder einmal ein Energieriegel und ziehe endlich meine Daunenhosen aus. Schon seit Stunden schwitze ich in diesen Hosen, aber irgendwie wollte ich einfach so schnell wie möglich runter, erst jetzt nehme ich mir die Zeit, die Hosen auszuziehen. Wie erlöst steige ich ab zur Moräne. Am Anfang des Gletschers, bei den kleinen Seen, habe ich in der Nacht meine Turnschuhe deponiert. Die Stelle habe ich mit einem Steinmann markiert. Aber weit und breit ist kein Steinmann zu sehen. Ich muss mein GPS zur Hilfe nehmen, um meine Turnschuhe zu finden. Ich nehme mir Zeit, koche etwas Tee. Ich bin seit über 18 Stunden unterwegs und hatte dabei 1 ½ Liter getrunken. 1 Liter Tee rinnt schnell die Kehle runter. Noch einen Riegel und dann packe ich meinen Rucksack. Die Expeditionsschuhe binde ich auf den Rucksack. In Turnschuhen zu gehen ist angenehm. Ich fühle mich viel schneller und wendiger. Obschon ich ziemlich langsam die Moräne zum Vorgeschobenen Basislager hochsteige. Es geht besser als ich gedacht habe, ich bin müde aber nicht fix und fertig. 18.30 Uhr sitze ich im Zelt. Tee kochen, Essen, Trinken. Don und Rob hier zu sehen ist schön. Zwei Freunde, mit denen ich all meine Erlebnisse der letzten Stunden teilen kann. Ich schreibe Nicole noch ein SMS: „Bin zurück im ABC.“ Dass ich auf dem Gipfel war, soll sie morgen mit Blumen erfahren.


Route

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Rob Frost, Ueli Steck und Don Bowie, ABC                 Ueli und Don checken die Route

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Ueli and Don auf dem Weg ins ABC

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Ueli Steck Shisha Pangma Südwand 5800 Meter

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Ueli Steck vor dem Gipfelgrat

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Ueli Steck auf dem Weg zurück ins ABC

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Expedition zusätzlich unterstützt durch:




 

Der schnellste Mann am Berg

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