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Winterzeit Vortragszeit |
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Montag, den 05. Dezember 2011 um 15:19 Uhr |
Ueli Steck „Alles, was man sich vorstellen kann, ist irgendwann möglich.“
> Viele Menschen, die dich auf deinen Vorträgen sehen, oder im Fernsehen, werden dich zunächst einmal für ziemlich „verrückt“ halten. Wie erklärst du ihnen dein Tun und das Risiko, das damit verbunden ist?
Ein Extrembergsteiger bin ich in nicht, für mich ist das ganz normal, was ich mache. Ich bin eigentlich sogar ein Angsthase. Erst durch Erlebnisse, durch Erfahrung erreicht man ein Selbstvertrauen, um auch Unbekanntem gewachsen zu sein. Beim Klettern bin ich ständig in einer neuen Situation: Die Griffabfolgen sind mir zunächst unbekannt und ich muss eine gute Lösung finden, sie sicher klettern zu können. Wenn du das Gefühl hast, vielleicht funktioniert es, vielleicht nicht, dann steigst du nicht ein. Du musst den Punkt erreichen, an dem du zu hundert Prozent das Gefühl hast, daß du am Abend wieder heimkommst.
> Neben viel Training und einem hohen Maß an Talent brauchst du auch eine unglaubliche mentale Stärke. Hattest du die schon immer, oder ist dies auch etwas, das man trainieren kann?
Ich denke, ich habe nur einen sturen Kopf. Wenn ich etwas will, dann kann ich sehr viel mobilisieren. Die mentale Stärke kommt darüber, daß du weißt, wie schwer du klettern und rennen kannst. Daraus ergibt sich das Selbstvertrauen. Ich besitze weder ein herausragendes Klettertalent, noch bin ich ein besonders guter Ausdauersportler. Ich kann mich jedoch so gut auf ein Projekt konzentrieren, systematisch mein Training dafür aufbauen und so viel Stärke daraus schöpfen, daß die Realisierung dann in den Bereich des Möglichen rückt.
> 2 h 47 min - Was ging dir während dem Speed-Rekord am Eiger durch den Kopf? Schautest du zwischendrin auf die Uhr?
Nein, ich war ganz fokussiert auf den nächsten Griff und den nächsten Tritt, den Körper ständig in Bewegung zu halten. Das ist das coolste daran, du leidest nicht, aber wenn du hinter dich schaust, merkst du auch, daß du nicht stehen geblieben bist. Du hast die Gesamtheit der Wand zwar im Kopf, die schwierigen Stellen, konzentrierst dich aber ausschließlich auf den Punkt, an dem du dich gerade befindest und blendest alles andere aus.
> Nach deinem ersten Speed-Rekord (3 h 54 min) am Eiger hattest du gleich noch einmal nachgelegt. Ist man niemals zufrieden mit seiner eigenen Leistung?
Doch. Es gibt den Moment, in dem man Grenzen verschieben kann. Und es wird auch in Zukunft Leute geben, die, wenn sie trainieren, meine Zeiten weiter unterbieten können. Für mich war es beim ersten Mal ein Ausprobieren, bei dem ich gesehen hatte, daß für mich noch viel mehr drin liegt. Es hat mich dann gepackt, einen richtigen Rekord aufzustellen.
> Danach hättest du dich eigentlich zufrieden zurücklehnen können...
Als ich nach dem Rekord dort oben auf dem Eiger stand, war es extrem wichtig für mich – für das Weltgeschehen sind meine Leistungen jedoch völlig bedeutungslos. Die Erde dreht sich weiter und es sind ganz andere Probleme zu lösen, als daß jemand den 10. Grad klettert, oder free solo auf den Eiger steigt.
Jeder erreichte Gipfel ist der Anfang eines neuen, noch nicht erreichten. Mit mehr Können wachsen auch die Ziele und ich dachte über eine Triologie nach.
> Das heißt, Grandes Jorasses und Matterhorn kamen dir erst nach dem Eiger in den Sinn. Weshalb hast du bei diesen Bergen jeweils eine dir völlig unbekannte Route ausgesucht? Du hättest es dir ja auch einfacher machen und Routen wieder holen können, die du bereits kanntest.
Ich suche für mich immer etwas neues, um mich weiterzuentwickeln. Das Risiko, daß ich gut dort hochkomme, war kalkulierbar, aber nicht die Zeit. Es war wieder mehr Abenteuer, als beim Eiger, wo ich jeden Griff kannte. Trotzdem war meine Idee, wieder alles frei zu klettern. Ein gewisses Backup hatte ich, indem ich etwas Material für einen Rückzug mitnahm.
> Hättest du damit aus der Wand abseilen können?
Nein, ich hätte fast alles abklettern müssen. Darin liegt meine Fähigkeit, daß ich mit sehr wenig Material am Berg zurechtkommen.
> Gab es auch Versuche, bei denen du umgekehrt bist? Und wie findest du überhaupt den perfekten Tag für solch ein Unternehmen?
Du musst dir immer die Freiheit lassen, darfst dich nie unter Druck setzen. Es gibt einfach Tage, die passen nicht. Die Entscheidung ist nicht rational zu erklären, sondern ein Bauchgefühl. Gute Bedingungen in der Route reichen nicht aus, so lange der Kopf nicht stimmt. Manchmal bin ich schon mehr als einmal am Einstieg gestanden und wieder nach Hause gefahren..
> Ein Profibergsteiger wie du ist immer sehr stark dem Druck der Medien ausgesetzt, einem Druck, der eventuell auch zu einem hohen Risiko verleitet?
Es ist extrem wichtig, sich selbst zu bleiben, alles aus eigenem Antrieb zu machen und sich nicht den Medien zu unterwerfen. So sehr, wie du das Bergsteigen als wichtig nimmst um so sehr ist auch zu akzeptieren wie unwichtig es schlussendlich ist ob du auf dem Gipfel stehst oder nicht. Aber es ist klar jetzt im Moment bestimmt das Bergsteigen mein Leben. Das beste, was ich je gemacht habe, war meine Frau zu heiraten. Für sie bin ich einfach nur der Ueli und sie holt mich immer wieder runter.
> Wenn du nach einer langen Bergtour zurück nach Hause kommst, freust du dich am meisten auf ...?
- Rivella (ich bin ein typischer Schweizer!) - Mein Zuhause, meine Frau Nicole, einen guten Kaffee und mein ganzes Umfeld.
> Wie sieht für dich die Zukunft des Alpinismus aus?
Geschwindigkeit wird sich zu einem wesentlichen Faktor entwickeln. Auf den Himalaya übertragen, eröffnen sich damit ganz neue Perspektiven. Wenn ich ohne schweres Gepäck eine Route angehen kann, mich im schwierigen Gelände seilfrei oder mit wenig Absicherung noch sicher bewegen kann, bin ich sehr viel schneller und letztendlich auch kräftesparender und sicherer unterwegs, als wenn ich zahlreiche Biwaks mehr in der Route benötige. Für Leute, die Alpinismus machen, gibt es im Himalaya auf jeden Fall noch genug Potential.
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