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20.07.2009
Eiger Speed 3 H. 54 Min
Dezember 2004 Ich klettere zum ersten Mal die Eigerwand Solo. Ich gehe auf Nummer sicher. 60 Meter Seil, Camalots, 12 Expressschlingen, Keile und 5 Eisschrauben. Röbi Bösch, Jacqueline Schwerzmann und Bruno Rot begleiten mich im Helikopter. Die ganze Begehung wird gefilmt und fotografisch festgehalten. 10 Stunden benötige ich für die Begehung. Seit diesem Augenblick befasse ich mich immer und immer wieder mit der Heckmair Route. Wie ist es möglich, diese Route in 4 stunden 30 Minuten zu klettern? Christoph Hainz hat es geschafft, die 1800 Meter hohe Wand in dieser Rekordzeit zu klettern.
Seit 2003 war ich immer wieder in der Wand. Ich habe mich sehr intensiv mit dem Gedanken auseinandergesetzt, wie ich das Projekt verwirklichen könnte – was ich vor allem brauche, sind super Verhältnisse.
17. und 18. Februar 2007 Ich löse ein Versprechen ein. Ich klettere die Wand mit Nicole. Ein riesen Spass. Wir klettern Seillänge um Seillänge, nach dem ersten Tag biwakieren wir im Todesbiwak, einem komfortablen Balkon. Die warmen Schlafsäcke machen die Nacht zu einem wahren Vergnügen. Im Schlafsack erinnere ich mich daran, wie ich die Eiger-Nordwand zum ersten Mal geklettert bin. Ich war damals 18 Jahre alt und mit meinem Freund Markus Iff unterwegs. Wir hatten keine Schlafsäcke dabei. Gegen Abend waren wir in der Rampe. Der Wasserfallkamin machte seinem Namen alle Ehre. Ich stieg vor und meine brandneuen Scarpa Vega Plastikstiefel füllten sich sehr schnell mit Wasser. Am Ende der Seillänge war ich bis auf die Unterhosen durchnässt. Wir biwakierten zwei Seillängen weiter oben - natürlich immer noch ohne Schlafsack. Zufrieden über meine jetzige Lage krieche ich noch ein bisschen tiefer in meinen Schlafsack. Diesmal weckt mich meine Uhr - viel zu früh. Das ist der Nachteil, wenn man einen so warmen, kuscheligen Schlafsack hat. Das Aufstehen kostet mich doch recht viel Überwindung. Trotzdem: wir klettern weiter. Die Verhältnisse sind einfach perfekt. Um 15.30 Uhr scheint uns die Sonne ins Gesicht. Wir stehen auf dem Gipfel.
21. Februar 2007 Ich folge den Spuren vom Wochenende. Eine halbe Stunde nachdem ich aus der Bahn im Eigergletscher gestiegen bin, stehe ich am Einstieg der Heckmair Route. Die Gedenktafel von den abgestürzten Italienern ist bis zur Hälfte eingeschneit. Ich setze mich in den Schnee und gehe die ganze Route in meinem Kopf durch. Wo soll ich mich sichern? Bei welchen Passagen kann ich Vollgas geben? Wo muss ich besonders aufpassen? Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob mir – trotz perfekten Verhältnissen – eine wirklich schnelle Zeit gelingen könnte. Trotzdem - ich will es versuchen. Meine Suunto T6 ist mit dem Pulsgurt verbunden und mein Puls misst 55 Schläge pro Minute.

Ich drücke auf Start. Mein Puls rast ein paar Minuten später auf 178. Ich steige schnell durch die ersten 500 Höhenmeter, durch die erste Steilstufe und den schwierigen Riss. „So, jetzt wird sich herausstellen, ob meine neue Sicherungstechnik effizient genug ist“ denke ich mir und fädle das Seil im Stand doppelt ein. Die 15 Meter Schlaufe würde im Fall eines Falles das Schlimmste verhindern, aber ein 30 Meter Sturz in den Stand wäre sicher unangenehm. Die Konzentration stimmt: ich klettere ruhig und sehr effizient. Nach 15 Metern löse ich das Ende und ziehe das Seil einfach durch. Ich klettere weiter - ungesichert. Ich fühle mich gut, alles funktioniert wie bei einer Maschine, jeder Handgriff sitzt perfekt. Nach dem Hinterstoisser Quergang beginnt eine lange Ausdauerstrecke mit Firn und Eis. Es gilt Zeit zu gewinnen. Eine Stunde und 48 Minuten nachdem ich den Startknopf gedrückt habe, stehe ich auf dem Balkon im Todesbiwak. Keine Pause - weiter geht’s Richtung Rampe. Mixed-Gelände wie ich es liebe, es geht immer noch gut vorwärts und ich spüre nicht die geringsten Anzeichen von Müdigkeit. Das Seil wird wieder doppelt in den Stand eingefädelt. 15m Schlappseil für den Wasserfallkamin. Der Fels ist trocken, die Temperaturen für diese Jahreszeit ungewöhnlich warm. Ich klettere ohne Handschuhe. Genau 7 Minuten benötige ich für den Wasserfall-Kamin.
Meine Waden fangen langsam an, etwas zu brennen. Das Rampeneisfeld ist teilweise blankes Eis. Da ist das brüchige Band wieder, ein wahres Vergnügen. Brüchiger Riss geht ganz gut seilfrei, der Götterquergang ist ein schönes Schneeband. Kurze Zeit nach dem Riss stehe ich bereits am Anfang der Ausstiegsrisse. Ich befinde mich in der letzten Schlüsselstelle - dem Quarzriss. Hier wird sich herausstellen, ob ich eine gute Zeit erreichen würde. Der Quarzriss mit seiner Platte ist für mich immer die heikelste Stelle. Ich bin wieder durch meine 15 Meter Seilschlaufe gesichert. 6 Minuten später und ich ziehe die Seilschlaufe aus und steige weiter. Jetzt ist es nur noch Eis und Firn. Wichtig ist es, sich jetzt noch einmal ganz gut zu konzentrieren. In den letzten Metern der Ausstiegsrisse - im jetzt etwas flacheren Gelände vom Gipfeleisfeld - gilt es noch einmal, alles zu geben. Ich spüre, wie mein Puls wieder steigt.
Ich schaue nicht mehr auf die Uhr: für mich heisst es jetzt einfach nur noch „go go go…“ Der Gipfelgrat kommt mir flach vor und meine Euphorie trägt mich mit grossen Schritten Richtung Gipfel. Ich drücke Stop. Gespannt schaue ich auf meine Uhr: 3 Stunden 54 Minuten und ein paar Sekunden. Ich kann es kaum glauben: ich hab`s geschafft! Ich stehe auf dem Gipfel in der Sonne und habe die Gewissheit, etwas vollbracht zu haben, was ich wenige Stunden zuvor noch für fast unmöglich gehalten hatte!
Mein Plan ist aufgegangen. Ich konnte ein lang ersehntes Projekt endlich verwirklichen. Ich geniesse noch ein paar Augenblicke die warme Sonne auf dem Gipfel und steige dann ab zum Eigergletscher. Der Abstieg ist ein riesen Gaudi: ich rutsche - wo immer möglich - auf dem Hosenboden den Hang hinunter. 75 Minuten später bin ich zurück im Eigergletscher.
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