Annapurna-Expedition 2008 - das Tagebuch Drucken E-Mail


Kathmandu - Die Annapurna Expedition beginnt!

27.03.2008



Ich bin dann auch mal weg!


Die letzten zwei Monate habe ich viel vom Bergsteigen erzählt. Jetzt ist es wieder einmal an der Zeit, selber zu klettern. Simon und ich sind in Kathmandu eingetroffen. Alles läuft mehr oder weniger nach Plan.

Unser ganzes Material muss noch ins Khumbu Valley transportiert werden. Unsere erste Etappe führt Simon und mich zum Tengkampoche. Dort wollen wir uns bestmöglich akklimatisieren. Der Tengkampoche ist ein formschöner Sechstausender mit einer eindrücklichen Wand, die noch nie zuvor geklettert worden ist. Ein grosses Stück Arbeit liegt vor uns. Wir sind bereit.

Simon und ich werden uns in der nächsten Zeit nur noch mit dem Bergsteigen beschäftigen. Es heisst eintauchen in eine andere Welt. Ab jetzt heisst es am Morgen: „Milktea Sir...“
...und danach erst kommt das Kaffee...



Annapurna Expedition 08 - Namche Bazar

30.März 2008

Wir sind in Nache Bazar angekommen. Endlich. Jetzt ist alles am laufen. Die Expedition hat wirklich begonnen!
Ursprünglich hatte Dendi den Flug nach Lukla für heute, den 30. März gebucht. Simon und ich hatten aber keine Lust weitere drei Tage in Kathmandu zu sitzen. “No possible”, heisst es zuerst, als wir Dendi – unseren Chef-Sherpa - bitten, den Flug auf den 29.März umzubuchen. Irgendwie funktioniert es dann doch noch. Wie immer muss man bereits um 06.00 Uhr in der Früh am Flughafen sein, obwohl der Flug normalerweise nicht vor 09.00 Uhr geht. Simon habe ich bereits darauf vorbereitet, dass er sich auf eine längere Wartezeit einstellen soll. Dann kommt plötzlich eine ungewöhnliche Hektik auf und um 07.45 Uhr befinden wir uns bereits in der Luft Richtung Lukla. Und das, kaum eine Stunde nachdem wir aufgestanden sind.

Das Material ist schon vor ein paar Tagen nach Lukla geflogen worden und die meisten Träger sind bereits auf dem Weg zum Basislager, ohne uns. Vier Träger haben noch mit dem Gepäck auf uns gewartet, das wir für das Trekking benötigen. Wir verstauen den Schlafsack und die nötigsten Utensilien in unsere Rucksäcke und machen uns auf den Weg nach Nache Bazar. Wir werden das Trekking so gut wie möglich nutzen, um uns bestmöglich zu akklimatisieren. Nach fünf Stunden Marsch treffen wir pünktlich zum Mittagessen in der “German Bakery” in Namche Bazar ein. Das Dorf liegt auf 3440 m ü.M.. Heute werden hier noch einen weiteren Tag verbringen, um uns an die Höhe zu gewöhnen. Morgen geht es dann weiter und wir möchten in einem Tag in das Basislager auf 4250 m aufsteigen, das ca. eine Stunde hinter dem kleinen Dorf Tengbo liegt.

Wenn alles so perfekt läuft wie bis anhin, kann bei dieser Expedition eigentlich nichts mehr schief gehen. Wir schauen das als gutes Omen an.

Bis bald,
Ueli







Annapurna Expedition 08 - Thengpo Basislager

Dienstag, 8. April 2008

Planmässig sind Simon und ich am Montag, 31. März vom Dorf Namche Bazar (3440m) aufgebrochen. Der Weg führt uns via Thame (3800m) an seinem berühmten Kloster vorbei ins Basislager nach Thengpo. Hier auf 4250m, werden wir die nächste Zeit verbringen. Vor unserem Lager ragt der Tengkampoche mit seinen 6500m in den Himmel hinauf.
Am Freitag, 4. April sind wir in höhere Lagen aufgebrochen, und haben die Nacht auf Samstag auf 5640 Meter ü.M auf dem Trashi Laptsa Pass verbracht. Am Samstag, bei noch einigermassen anständigen Wetterverhältnissen, sind wir weiter aufgestiegen, um dann aber wieder auf 5640m abzusteigen, wo wir nochmals eine Nacht auf dem Trashi Laptsa Pass geschlafen haben. Der Abstieg am Sonntag, 6. April zurück ins Basislager nach Thengpo auf 4250m erfolgt bei starkem Schneefall. Eine eher ungemütliche Angelegenheit...
Die Verhältnisse am Tengkampoche sehen zwar nicht schlecht aus, dennoch liegt noch etwas viel Schnee von den starken Niederschlägen am vergangenen Sonntag in der Wand. Heute war der Wind auf Gipfelhöhe zu stark. Die Prognosen für die nächsten Tage sehen vielversprechend aus. Wir werden am Donnerstag einen ersten Versuch starten. Leider kann ich aus technischen Gründen keine Bilder übermitteln.



Annapurna Expedition 08 - Verschnaufpause in Namche Bazar

14. April 2008

Simon und ich sind für eine kurze Verschnaufpause wieder in Namche Bazar eingetroffen. Der Versuch vom Donnerstag, die steile Wand des Tengkampoche zu klettern, mussten wir abbrechen. Er hat uns auch einiges an Kraft gekostet. Aber der Reihe nach...
Am 10. April steigen wir nach einer 3-tägigen Erhohlungsphase von unserer Akklimatisierungstour zum Trashi Laptsa Pass in die Wand des Tengkampoche ein. Um 3 Uhr ist Frühstück. Kaji, unser Koch, ist trotz der frühen Morgenstunde wie immer gut gelaunt. Gut genährt marschieren wir los. Es ist 4 Uhr. Der Weg zum Wandfuss ist auch im Dunkeln einfach zu finden und nicht weit vom Basislager entfernt. Ich gehe hinter Simon. Dieser stapft gemächlich Richtung Einstieg.

Der Tag ist bereits angebrochen, als Simon und ich unsere Klettergurte und die Steigeisen anziehen. Gemäss dem heutigen Wetterbericht sollte es trocken bleiben bei einer Windstärke von 21 km/h. Auf morgen Freitag sind stärkere Winde und weiterhin trockenes Wetter angesagt. In der Nacht vom Freitag auf den Samstag nimmt der Wind zu und am Samstag kommt feuchtere Luft herein und der Wind dreht auf Nordwest. Sonntag wieder trockener. Wir sind voll motiviert und die Vorhersage für Samstag beunruhigt uns nicht, zumal es nicht sehr feucht ist und bis Samstag sollten wir den oberen und leichteren Teil der Wand erreicht haben, kurz vor dem Ausstieg auf den Gipfelgrat.
Unsere Ausrüstung ist auf das Minimum beschränkt. Wir haben Essen für ca. vier Tage und unsere Schlafsäcke  alles in einem Rucksack verstaut, den wir abwechslungsweise die Wand hochschleppen werden. Auf ein Zelt verzichten wir. Nach unseren Wandstudien der vorangegangenen Tagen, können wir überhaupt froh sein, wenn wir für die Nacht einen Platz finden werden, auf dem man liegen kann.
Die ersten 100 Meter geht Simon voraus. Ansonsten klettern wir die meiste Zeit zusammen. Uns verbindet ein Seil und dazwischen liegen immer im Minimum zwei Sicherungspunkte. Das ist eine sehr effiziente Methode, um schnell an Höhe zu gewinnen und trotzdem am Berg angemacht zu sein. Um 8 Uhr erreichen wir die „Rampe“, bestehend aus einer Verschneidung und einem Risssystem, das die untere Felspartie durchzieht. Ab jetzt steht uns eine 6 x 60 Meter lange steile und abwechslungsreiche Kletterei bevor. Ich steige die ersten vier Seillängen vor. Simon hat das Vergnügen, den Rucksack hinter sich her zu schleppen. Das Vorsteigen gestaltet sich anspruchsvoll. Keine Seillänge ist ein Spaziergang. Im Gegenteil: jede einzelne Seillänge verlangt mir alles ab. Ich habe nur ein kleines Set an Material zur Verfügung bestehend aus 14 Normalhaken, 3 Camelots, 6 Klemmkeile, 8 Expressschlingen und unzählige Schlingen. Jede einzelne dieser 60 Meter langen Seillängen ist ein kleines Abenteuer. Es sind schwierige Fels- und Mixedpassagen, die ich irgendwie mit diesem wenigen an Material absichern muss. Im Vergleich ist die Anstrengung des „Seil-Zweiten“ viel grösser. Simon muss mindestens 45 Minuten in der Kälte sichern und warten. Anschliessend darf er den 25 kg schweren Rucksack hochjümaren. Und das so schnell wie möglich, um die Zeit wettzumachen, die der Erste beim Vorstieg verschwendet hat. Nach 220 Meter in der Felsrampe wechseln wir. Es ist 17.00 Uhr als Simon zur letzten Seillänge angreift. Jetzt bin ich zum sichern verdammt. Vom Standplatz sieht die Seillänge recht einfach aus. Die Sicht wird aber durch einen Überhang versperrt. Simon ist bereits über den Überhang hinaus. Plötzlich geht gar nichts mehr. Nur sporadisch kann oder muss ich etwas Seil nachgeben. Eine volle Stunde bin ich nun schon am sichern. Es wird langsam kalt und der Blick auf die Uhr verrät mir, dass es bald dunkel sein wird. Simon ist ein starker Kletterer. Dass es nicht vorwärts geht, beunruhigt mich nicht. Die Passage da oben muss wahrscheinlich ziemlich schwierig sein. Es gibt nicht viele Kletterpartner, bei denen ich eine solche Situation akzeptieren kann. Bei Simon schon und das zu 100 Prozent. Nur die Tatsache, dass es bald dunkel sein wird, beunruhigt mich. Der Platz an dem ich mich befinde, sieht nicht komfortabel aus. Erst recht nicht für ein Biwak. Irgendwann ist das Seil zu Ende. Simon ist am Ausstieg der Rampe angekommen. Kurze Zeit später erreiche ich mit dem ganzen Material das etwas flachere Gelände. Im Dämmerungslicht steigen wir 60 Meter weiter auf und wir finden einen guten Platz zum Übernachten. Uns gelingt es, ein schönes Band von 70 cm breite und 4 Meter Länge in den Schnee zu graben, bevor man auf Fels stösst. Was für ein perfekter Biwakplatz. Keine zwei Stunden vorher hätte ich nicht daran geglaubt, dass wir diese Nacht liegend verbringen würden. Ein kleiner Traum ist wahr geworden.
Der einzige Haken an diesem Traum: der Platz ist sehr ausgetzt. Auch unserem Kocher pfeift der Wind um die Ohren. Wir haben Mühe, ihn in Gang zu setzen. Irgendwann klappt es und wir können aus Schnee heisses Wasser machen. 8 Minuten bräuchte die Katadyn Mahlzeit, bis man sie essen kann. Nach 5 Minuten kann ich nicht mehr länger warten, und beginne, meine Pasta zu essen, bevor sie al dente oder besser gesagt, bereits wieder kalt ist! Die Nacht ist dank unseren Phantom Schlafsäcken sehr komfortabel und bewahrt uns vor der Kälte. Der Wind pfeift uns immer noch mehr oder minder um die Ohren.

Freitag, 11. April
Um 5 Uhr beginnt der nächste Tag. Wie zwei Roboter beginnen wir, heisses Wasser zu kochen. Das Frühstück ist spärlich. Dann machen wir uns daran, unsere gesamte Ausrüstung in den grossen Rucksack zu stopfen. Wie schon am Tag zuvor haben wir ein grosser Rucksack für den Nachsteiger und ein kleiner Rucksack praktisch ohne Material für den Vorsteiger. Gestern hat Simon die letzten Seillängen geführt, also muss ich heute anfangen.  Eigentlich hat der Vorsteiger die besseren Karten, denn er muss kein Material schleppen. Er muss nur schauen, dass das Team Seillänge um Seillänge höher kommt.  Es geht wieder mit anspruchsvoller Felskletterei weiter. Die Steilheit und die Schwierigkeit lässt mich sofort erwachen. Zwei Felslängen führen in eine perfekte Eisrinne, die wiederum in das Eisschild Richtung letzter Felsaufbau führt. Das Eisschild ist länger als erwartet. Insgesamt 250 Meter lang. Es ist bereits 13 Uhr als wir den oberen Rand des Schildes erreichen und wieder in den Fels kommen. Das Wetter hat sich inzwischen sehr verschlechtert. Trotzdem: wir sind immer noch guten Mutes, haben wir doch schon die 6000er Grenze überschritten. Insgesamt liegen 1600 Meter Nordwand des Tengkampoche unter uns. Doch jetzt meint es der Wind und Frau Holle ernst. Es schneit und windet und die Spindrifts gehen über in Lawinen. Wir sind sehr ausgesetzt und ziemlich wehrlos den Elementen der Natur ausgeliefert.
Der Entscheid fällt uns auf einmal sehr einfach: abseilen. Es geht nicht mehr anders. Um 15 Uhr beginnen wir im Schneesturm unsere Abseilfahrt.  Lawinen stürzen über uns. Zwischendurch müssen wir warten, bis sich der Wind wieder etwas beruhigt hat, bevor wir unsere Arbeit fortsetzen können. Wir beide wissen: es gibt nur eines: so schnell wie möglich hier weg. Das schlechte Wetter hat uns genau einen halben Tag früher erreicht als prognostiziert. Erfahrungsgemäss wird es in dieser Höhe nur noch schlimmer.
Die Abseilfahrt gestaltet sich abenteuerlich. Seillänge um Seillänge müssen wir wieder Stände einrichten. Manchmal ist es hart an der Grenze, dass uns die Kälte übermannt. Lässt der Wind wieder etwas nach, geht es wieder besser. Wir seilen uns konzentriert zum Wandfuss ab. Um 20 Uhr stehen wir 1600 Meter tiefer am Einstiegsschneefeld. 100 Höhenmeter tiefer auf der Moräne sehen wir zwei Stirnlampen. Kaji und der „Kitchenboy“ warten schon mit Juice auf uns. Simon und ich sind zurück. Heute Abend werden wir gut schlafen im Basislager.


Annapurna Expedition 08 - Thengpo Basislager

20. April 2008

Spannende Begegnungen

Während unseren Treks, begegnen wir immer wieder interessanten Persönlichkeiten. So auch auf unserem Rückweg vom Trashi Laptsa Pass zurück ins Basislager am Sonntag, dem 6. April. Die zweite „Akklimatisierungsnacht“ unterhalb des Trashi  Laptsa Passes geht zu Ende. Zum Glück. Die unebenen Steine drücken unter  der dünnen Schaumstoffmatte schmerzlich ins Kreuz. Das Wetter zeigt  sich gnädig. Erst als wir das Zelt und die gesamte Ausrüstung in  unsere Rucksäcke verpackt haben, fängt es an zu schneien. Im weiter unten liegenden Basislager des Pachermo Peak auf 4800 Meter stehen  bereits neue Zelte. Der Sherpa ruft uns schon von weitem zu sich, und  lädt uns zu einem Juice ein. Drei Japaner haben sich einquartiert. Sie sind zwischen 65 und 68 Jahre alt. Im trockenen und gemütlichen  Küchenzelt der japanischen Seniorenexpedition trinken Simon und ich  nun also „Juice“ und philosophieren mit ihnen über das Bergsteigen. Die drei Freunde waren schon unzählige Male auf  Expeditionen unterwegs. Früher, als sie noch jünger und fitter  waren, seien sie an den Achttausender unterwegs gewesen, erzählen sie. Heute klettern sie noch die Sechstausender – oder versuchen es zumindest. Bei diesen miserablen  Witterungen, die im Moment herrschen, werden die drei Japaner es wohl kaum auf den Gipfel des  Pachermo Peak schaffen. Für sie ist dies reine Nebensache. Sie  gönnen sich eine gute Zeit in Nepal und geniessen das Leben.  Faszinierend, finde ich. Nein, ich würde schon fast sagen eindrücklich.
Und ich wünsche mir, dass ich auch einmal an diesen Punkt gelangen werde. Glück ist, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind. „Viva la vida“.


Erfolgreiche Erstbegehung der Tengkampoche Nordwand (6500m)

25. April 2008, Thengpo – Basislager.

Gestern Morgen, Donnerstag, 24. April um 7 Uhr standen Simon und ich auf dem Gipfel des 6500 Meter hohen Tengkampoche (Khumbu Valley). Die Erstbegehung erfolgte im Alpinstil über die Nordwand. Dabei brauchten wir keine Bohrhaken und keine Fixseile. Simon und ich benötigten vier Tage für den Auf- und Abstieg. Bereits etliche Expeditionen haben sich vor uns auf dieser Route versucht, sind aber gescheitert.
Jetzt heisst es, das Basislager abbauen und alles zusammenpacken. Via Namche Bazar laufen wir zurück nach Lukla, von wo wir wieder nach Kathmandu fliegen.


Annapurna Expedition 08 - Wohlverdiente Pause in Pokhara

1. Mai 2008

Es geht Schlag auf Schlag. Mit je einem Bier, feiern Simon und ich noch am 24. April unsere Erstbegehung im Basislager des Tengkampoche. Für mehr sind wir einfach zu kaputt und am anderen Morgen geht es bereits zurück nach Kathmandu. In der Hauptstadt bleiben wir nur, um die Bewilligung für die Annapurna Südwand abzuholen und dann geht es bereits weiter nach Pokhara. Das Gepäck ist schon unterwegs ins Annapurna Basislager.

Hier in Pokhara gönnen Simon und ich uns die lang ersehnte und wohlverdiente Pause. Zurücklehen, Karten schreiben, jeden Tag duschen, fein essen und mit der Schweiz telefonieren. Trotzdem: die Gedanken kreisen bereits um das nächste Projekt: die Annapurna Südwand. Von Meteotest haben wir die ersten Prognosen bekommen. Es sieht noch nicht gut aus. Das macht nichts. Wir müssen ja zuerst noch ein paar Tage marschieren, bevor wir im Annapurna Basislager ankommen. Mit dem Auto geht es morgen nach Nayapul. Das ist der Ausgangsort für die vielen verschiedenen Trekkingrouten rund um das Annapurna Massiv. Von dort geht es dann zu Fuss nach Sauli Bazar, Chomrong, Bamboo, um dann schliesslich zum Basislager der Annapurna Südwand zu gelangen. Das auf einer märchenhaften Wiese am Rande des Gletschers liegende Camp liegt auf 4200 m ü.M. Jetzt beginnt unser zweites Abenteuer.




Annapurna Expedition 08 - Annapurna Basislager

10. Mai 2008




Am Montag 5. Mai am späteren Nachmittag sind wir im Basislager eingetroffen. Das Wetter: nass und ungemütlich. Wir haben uns gut einquartiert und hoffen natürlich, jetzt wo Simon und ich schon so gut akklimatisiert sind, dass das Schönwetterfenster nicht allzu lange auf sich warten lässt. Noch haben wir genügend Zeit, es ist ja erst Anfang Mai.


Erinnerungen an das vergangene Jahr, als ich zum ersten Mal die Annapurna Südwand im Alleingang versuchen wollte, werden wach.

Bergsteigen ist bekannt als aufregende, abenteuerliche und gefährliche Sportart.  Es ist aber auch eine Sportart, bei der man Geduld braucht. Manchmal unendlich viel Geduld. Ich spreche nicht von der Geduld, die man benötigt, hängt man bereits in einer Wand. Das ist eine andere Geschichte. Ich spreche von der Geduld unten am Berg. Wenn Zeit und Wetter eine entscheidende Rolle spielen.

Ist man zu Hause, hat man unzählige Möglichkeiten, die Wetterprognosen zu studieren. Ich bin Profibergsteiger und nicht Wetterfrosch. Also greife ich lieber auf die modernen technischen Hilfsmittel, die zur Verfügung stehen, als den Ameisen bei der Arbeit zuzusehen.

Ist das Wetter gut, die Wandverhältnisse ideal, der Körper fit und der Kopf bereit, dann steht einer Begehung nichts im Wege. Ist die Vorhersage schlecht, habe ich unzählige andere Möglichkeiten meine Energie loszuwerden. Der Tag wird kommen, an dem die Verhältnisse eine Begehung zulassen.

Ist man auf Expedition, sieht das Ganze ein wenig anders aus. Expeditionen können nicht ewig dauern. 2-3 Monate. Das ist ein gutes Zeitfenster: gut einen Monat Höhenvorbereitung, gut einen Monat für eine Gipfelbegehung.

Irgendwann einmal ist aber Schluss. Dann muss der Körper sich erholen von den Strapazen der Höhe. Dann muss man absteigen, in tiefere Lagen. Das Dilemma bleibt.

Spielen Wetter und Zeit gegeneinander, wird man arg auf die Probe gestellt. Es heisst durchbeissen. Sich motivieren. An das Gute glauben. Positiv denken. Warten können. Vertrauen können.

Trotzdem. Hat man 24 Stunden Zeit, sich mit diesen Phänomenen zu beschäftigen, in einer Umgebung, die absolut nichts zu bieten hat, dann mutiert die Geduld schnell in Ungeduld. Vielleicht auch in Leichtsinn? Soll man trotzdem gehen? Einfach einsteigen? Trotz Nebel, Schneefall?

Was ist mit Lawinenabgängen? Einfach ignorieren? Ignoriert man in solchen Situationen die eigenen Prinzipien? Des Gipfels Willen wegen?

Diese Situation habe ich letztes Jahr zum ersten Mal in einer gewaltigen Intensität erlebt. Der Kopf und der Körper sind bereit. Man will gehen. Einfach nur gehen. Nicht warten. Der Verstand bremst. Die Zeit ist noch nicht gekommen. Die Bedingungen sind nicht ideal. Werden sie kommen, die idealen Verhältnisse? Und wenn, wann werden sie kommen? Letztes Jahr hatte ich Glück. Ich konnte gehen. Der Rest ist Geschichte.

Werde ich in einer anderen Situation mutig genug sein, sollte ich einmal unter keinen Umständen die Möglichkeit bekommen, auch nur einen Schritt Richtung Gipfel zu tun?

Die Passion Bergsteigen hat viele Facetten. Am Schluss sind es nicht nur die schönen und erfolgreichen Momente, die uns im Leben weiterbringen. Sondern die, bei denen man gelernt hat, etwas durchzustehen, durchzuhalten. Bei denen man den Mut hatte, im richtigen Augenblick Nein zu sagen.



Annapurna Expedition 08 - Annapurna Südwand

13. Mai 2008

Seit gut einer Woche sitzen wir nun hier im Annapurna Basislager. Am Donnerstag, 8. Mai haben wir das vorgeschobene Basislager auf ca. 5100 Meter eingerichtet, und das nötige Material für die Begehung deponiert. Dann sind wir wieder abgestiegen. Die Wetterverhältnisse und die Prognosen waren noch nicht ideal. Zurück im Camp wartete wie immer ein lecker duftendes Essen auf uns. Zum Dessert gab es Apple Pie.

Bereits im Tengkampoche Basislager standen Kaji, unser Koch, und ich immer wieder mal zusammen in der Campküche. Kaji ist ein hervorragender Koch. Aber genau wie beim Bergsteigen, kommt es auch in der Küche auf die Details an. Und genau diese Details versuchte ich mit ihm bei Gelegenheit zu verfeinern. Die „Italian Pizza“ mit  Steinpilzen, die mein Vater gesammelt hat, schmeckte schon ganz gut.  Oder die Pizza mit prosciutto, (Schinken) aus Cervinio. Sogar eine Rüeblitorte haben wir zusammen gebacken.
Ein bisschen aufpassen müssen wir schon, denn jedes Gramm zuviel - und das nicht nur im Rucksack - sondern auch am Körper, das wir auf den Gipfel hochschleppen müssen, kann über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
Auch in der Wetterküche scheint sich etwas zu bewegen: die Prognosen für die kommenden Tage und die ganze nächste Woche sehen gemäss Meteotest vielversprechend aus. Simon und ich sind uns einig: Morgen starten wir zu unserem zweiten Projekt, die Annapurna Südwand!

Bis bald  und drückt uns die Daumen,

Ueli


Annapurna Expedition 08 - Zu gefährlich - wir müssen umkehren!

16. Mai 2008

Wir sind zurück im Basislager. Simon und ich haben beschlossen, wieder abzusteigen. Die Lawinen donnerten bereits um 9 Uhr am Morgen an uns vorbei. Bei den aktuellen Wetter- und Wandverhältnissen war es unmöglich, weiterzuklettern. Zu gefährlich. Gerade reissen die Wolken auf und wir erhaschen einen Blick auf die Wand. Von hier unten und aus sicherer Distanz sieht das Ganze eindrücklich aus. Es besteht ja noch Hoffnung. Wir haben noch gut 22 Tage Zeit, bis wir zurück in Kathmandu sein sollten. Vielleicht bildet sich ja doch noch eine stabile Wetterlage. Wir geben noch nicht auf!


„Ueli Steck Expedition Annapurna mit dramatischer Wendung“

24. Mai 2008

Während der Vorbereitung auf einen Erstbesteigungsversuch der Annapurna Südwand, erreichten die Bergsteiger Ueli Steck und Simon Anthamatten einen Notruf einer anderen Expedition. Das Team war auf 7’400m in Bergnot geraten, als der Spanische Bergsteiger Iñaki Ochoa de Olza nach einem Gipfelversuch im Abstieg kollabierte.

Unverzüglich sind Ueli und Simon von ihrem Basislager aus in Richtung der in Not geratenen Bergsteiger gestartet. Der Aufstieg vom Basislager auf rund 4’000m bis zum Spanier, welcher von seinem Rumänischen Partner Horia Colibasanu gepflegt wurde, dauerte knapp zwei Tage, behindert durch schlechtes Wetter und durch die gefährliche Lawinensituation.

Einen Tag hinter Ueli Steck versuchte ein spontan zusammengestelltes, internationales Bergsteigerteam, die Rettung zu unterstützen und brachte dringend benötigtes medizinisches Material. Teilnehmer dieses Rettungstrupps erreichten Ueli Steck und den in Not geratenen Iñaki Ochoa de Olza nicht. Horia Colibasanu musste unterdessen ebenfalls aufgrund gesundheitlicher Probleme, bedingt durch den langen Aufenthalt in dieser extremen Höhe, absteigen.

Trotz allen Bemühungen von Ueli Steck und der mitgebrachten Medikamente, konnte Iñaki Ochoa de Olza nicht gerettet werden und verstarb am frühen Freitag morgen. Ueli Steck war bis zuletzt bei ihm und musste noch bis zum Samstag morgen abwarten, bis er zu den übrigen Rettern absteigen und mit ihnen zusammen den Weg ins Basislager antreten konnte. Mittlerweilen sind Steck und alle übrigen Retter bei weiterhin schwierigen Verhältnissen sicher ins Basislager zurückgekehrt.

Der Einsatz von Rettungshelikoptern ist in dieser Höhe nicht möglich.


Annapurna Expedition - Rückreise

26. Mai 2008

Ueli und Simon haben ihre Zelte im Basislager abgebrochen und befinden sich nun auf dem Weg zurück nach Kathmandu. Sie sind beide müde und froh, so bald als möglich nach Hause fliegen zu können. Nach dieser ausserordentlichen physischen und psychischen Leistung, bräuchten sie mehrere Tage, um sich vollständig von der Rettungsaktion zu erholen. Die Monsunsaison steht laut den Prognostikern kurz bevor, weshalb sie keinen weiteren Versuch unternehmen werden, die Annapurna Südwand auf ihrer direkten Route zu begehen.

 

 


Annapurna Expedition - Abschluss

2. Juni 2008

Simon und ich sind zurück in der Schweiz und wir werden versuchen, uns in den nächsten Tagen und Wochen von den Strapazen der ganzen Rettungsaktion zu erholen und das Erlebte zu verarbeiten.

In dem Moment, als wir den Notruf vom Rumänen Horia Colibasanu erhielten, zögerten wir keine Sekunde lang und eilten den beiden so schnell es nur ging zur Hilfe. Für uns war das selbstverständlich. Gleichzeitig wussten wir, dass die Expedition danach vorbei sein würde.

Die Annapurna wird ewig im Himalaja über dem Modi Khola Tal thronen. Wir Menschen, wir haben nur ein einziges Leben. Zweimal war ich nun schon an der Annapurna. Ich kann noch weitere zwanzig Mal dahin gehen, wenn ich will. Beide, Simon und ich, hätten aber nicht mit der Tatsache weiterleben können, wenn wir den beiden in Not geratenen Bergsteigern nicht geholfen hätten. Wir haben unser Bestmögliches getan. Leider kam für Inaki die Hilfe zu spät. In all dieser Zeit war er nie alleine. Horia tat alles was in seiner Macht stand, um ihm zu helfen, bis er selber nicht mehr konnte. Bis ich das Camp 4 erreichte, war es wohl schon zu spät und auch alles Dexamethason, ein Kortisonpräparat gegen das Höhenlungenödem, das ich Inaki noch spritzte, nützte nichts. Er musste nicht alleine sterben. Das gibt mir Trost.

Die Expedition Annapurna 2008 ist somit beendet. Ich möchte mich ganz herzlich bei Euch, für Eure Unterstützung bedanken. Danke für die vielen aufmunternden und unterstützenden Mails während der Expedition. Wir hoffen, dass wir Euch mit unserer Berichterstattung aus den verschiedenen Basislagern im Himalaja ein wenig aus Eurem Alltag heraus in unseren Alltag als Bergsteiger mitnehmen konnten.


 

News

18.01.2012

Winter Alpinismus

05.12.2011

Winterzeit Vortragszeit

03.11.2011

Frühjahr Expedition 2011

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