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Eiger, Paciencia |
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20.07.2009
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Routenskizze
Mit viel Geduld, die schwierigste Sportkletter- Route in der Eigernordwand eröffnet
| Länge: |
23 Seillängen/900m, Schwierigkeitsgrad 8a |
Erstbegehung:
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Stephan Siegrist und Ueli Steck Sommer 2003 |
| Erste freie Begehung: |
Ueli Steck 30. August 2008 |
2003 Der Sommer ist heiss und das Wetter stabil. Es ist der Jahrhundertsommer 2003. Stephan und ich nutzten die damals unendlich lange anhaltende Schönwetterperiode und wir verbrachten fast den ganzen Sommer in der Eiger Nordwand. So schafften wir es am 29./30. Juni 2003 „La Vida es Silbar“ frei zu klettern. Zusammen haben wir die Route als Seilschaft und in abwechselnder Führung begangen. Der Sommer neigte sich langsam dem Ende zu und unsere Armmuskulatur hat in der langen Zeit in der Eiger Nordwand langsam aber stetig an Umfang zugenommen. Die Hilti Bohrmaschine stand dabei im Dauereinsatz. Beflügelt durch das gute Wetter eröffneten wir eine neue Route durch die Rote Fluh über den Tschechenpfeiler, der unterhalb des Eigergipfels auf der Westflanke endet. Das Resultat jenes einmaligen Sommers 2003 liess sich durchaus sehen: die rotpunkt Durchsteigung von „La Vida es Silbar“ und eine neu eingebohrte Route links davon. Ein neues Projekt, wir freuten uns darüber. Das Bergsteigen geht weiter. Wir freuten uns darauf, schon bald wieder in diesem einmaligen Ambiente zu klettern. Die freie Begehung dieser neuen Route wird uns wieder und wieder beschäftigen: Ängste, Zweifel, Lösungen. All das was das Klettern so einmalig macht. Nächstes Jahr würden wir es schaffen: Wir waren uns so sicher!
2008 Fünf Jahre sind seitdem vergangen und die neu eingebohrte Route wartet immer noch darauf, von Stef und mir rotpunkt begangen zu werden. Das Schweizer Wetter verdient dabei allerdings nicht das Prädikat „Schweizer Qualität“. Im Februar war ich so fit wie nie zuvor. Aber die Frühjahrexpedition hat alles durcheinander gebracht und ich musste nach meiner Rückkehr im Juni so quasi wieder von Null anfangen mit dem Trainingsaufbau. Stef, der in diesem Frühling nicht auf Expedition war, konnte sich voll und ganz dem Klettern widmen. Irgendwann muss es doch endlich klappen mit der Rotpunkt-Begehung dieser Route, warteten wir nun doch schon fünf lange Jahre auf unsere Chance. Meine Motivation war dementsprechend hoch und ich setzte meine ganze Energie daran, meine angeschlagene Fitness auf Vordermann zu bringen. Während Juli und August verbringen Stephan und ich insgesamt 5 Tage in der Route. Wir inspizieren Seillänge um Seillänge. An die abendlichen Gewitter haben wir uns in der Zwischenzeit gewöhnt. Leider ist die gesamte Route nie ganz trocken. Doch immerhin einzelne Seillängen. Die erste Seillänge vom 2. Biwakband bleibt immer nass. Sollte schon gehen, irgendwie. Es handelt sich um eine schwere Stelle gleich am Anfang. Die darauf folgenden 30 Meter sind nicht schwer. So jedenfalls haben wir das in Erinnerung. Aber eben: das ist fünf Jahre her. Das andere Fragezeichen bleibt die sehr steile 4. Seillänge in der Roten Fluh. Sie wirft mich nach einem langen Klettertag dann auch noch einmal vor dem Stand ab. Für mich ist es ein „Ausdauerproblem“ und es sollte durchaus möglich sein, diese frei zu klettern. Die restlichen schweren Seillängen sind bereits alle rotpunkt geklettert und die schweren Passagen und ihre Lösungen haben wir uns eingeprägt.
Nun beginnt die lange Warterei auf zwei aufeinander folgende Schönwettertage. Es ist bereits Mitte August und Frau Holle beschert uns bereits reichlich mit Schnee. Wir können es kaum glauben, dass es auch dieses Jahr schon das Ende gewesen sein sollte. Jetzt, wo doch alles so gut zu klappen schien. Müssen wir das Projekt wohl noch einmal um ein Jahr verschieben? Es sieht fast so aus, und die Hoffnung schwindet mit jedem Tag, der vergeht. Die Tage werden kürzer und die sinkenden Temperaturen sind langsam aber sicher für einen Kletterurlaub im Süden. In der Woche vom 25. Bis 31. August 2008 kündigt sich eine Hochdrucklage an. Wir wollen nicht einfach so aufgeben. Die Eigernordwand zeigt sich immer noch im Wintermantel. Trotzdem gehen wir am 29. August hoch. Vielleicht auch nur, um unser Material abzuräumen. Aber doch mit der Hoffnung im Gepäck, dass wir diese allerletzte Chance in diesem Jahr doch noch packen können. Es sieht alles trocken aus. Das ist sie: unsere letzte Gelegenheit. Die ersten drei Seillängen klettern wir wie in einer: „Running Belays“. Jetzt geht es aber richtig los. Ein schöner milder Augusttag beginnt. Stephan klettert die erste Seillänge in der Roten Fluh. Mir gelingt die Folgende auch auf Anhieb. Die erste 7c+ ist vollendet. Jetzt versucht es Stephan zweimal im Nachstieg. Doch er fällt beide Male beim schweren Zug auf die rechte kleine Seitenliste ins Seil. Wir gehen trotzdem weiter. Die Zeit drängt. Jetzt folgt die erste, grosse unbekannte Seillänge: Seillänge 4 in der Roten Fluh mit dem grossen Dach. Ich bin leicht nervös und frage mich, ob meine Ausdauer diesmal wohl reichen wird. Und vor allem meine Nerven. Die maximalkräftigen Züge über die Dachkante gehen heute leicht. Ich klettere zügig weiter. „Jetzt nur keine Fehler machen“, denke ich und muss dabei feststellen, dass unsere Magnesium-Markierungen weg sind. „Es muss auch ohne gehen; konzentrieren“, sage ich mir, wo ich doch beim letzten Mal, vor ein paar Wochen, am Ende meiner Kräfte mit aufgeblasenen Unterarmen rausgeflogen bin. Heute läuft es ohne Zwischenfälle und ich erreiche problemlos mit den letzten kräftigen Bewegungen den nächsten Standplatz. Ein Stein fällt mir vom Herzen und mein Selbstvertrauen und meine Motivation wachsen von Seillänge zu Seillänge. Stephan hat nicht so viel Glück: er fällt mit einem ausgebrochenen Griff ins Seil. Schnell geht es vorwärts und wir erreichen ohne weitere Zwischenfälle das Biwakband. Jetzt gönnen wir uns erst einmal eine Kaffeepause. Es ist 16.00 Uhr als wir die nächste Seillänge vom Band aus weiterklettern. Ich benötige doch drei Versuche diese 30 Meter zu knacken. Die Abendsonne scheint in die Wand und es ist angenehm warm. Bis zum „Gelben Ueberhang“ steige ich sämtliche Seillängen vor. Es sind insgesamt sieben Seillängen und Stef markiert mir die dritte Seillänge. Er ist ziemlich müde, putzt und markiert aber diese unübersichtliche Seillänge, während ich dabei etwas ausruhen kann. Schlussendlich schaffe ich es, auch diese im ersten Anlauf zu klettern. Die Nacht bricht an, als ich den Standplatz vor dem „Gelben Ueberhang“ erreiche. Nun seilen wir uns wieder ab und fixieren die sieben Seillängen hinunter, bis wir unseren gemütlichen Biwakplatz erreichen. Endlich essen! Wir schlagen uns die Bäuche voll und tanken genügend Energie für den folgenden Tag. 16 Seillängen habe ich an diesem 29. August geklettert, alle frei. Nun fehlt noch der „Gelbe Ueberhang“, danach wird das Gelände etwas einfacher. Es bleibt nur zu hoffen, dass weiter oben nicht zu viel Schnee in der Wand liegt.
Der 30. August beginnt, indem wir die sieben Seillängen, die wir am Vorabend vom „Gelben Ueberhang“ beim Abstieg fixiert haben, an diesen Fixseilen wieder hochsteigen. Aufgewärmt durch das „Hochjumaren“, klettern wir ohne Probleme den „Gelben Ueberhang“. Der Rest der Route ist Pflichtübung. Der Schnee im oberen Wandteil befindet sich in einem kletterbaren Zustand. Es ist auch genügend kalt, so dass der Schnee nicht schmilzt und der Fels trocken bleibt. Am Nachmittag stehen wir am Ausstieg.
Hinter uns befinden sich 23 Seillängen, alle frei geklettert. 17 Seillängen, inklusive alle schwierigen Längen, bin ich im Vorstieg geklettert. Die anderen 6 Seillängen habe ich im Nachstieg und auch die alle sturzfrei geklettert.
Wir taufen die Route auf „Paciencia“. Es war für Stef und mich im wahrsten Sinne des Wortes eine Geduldsprobe. Doch: Was lange währt, wird endlich gut.
Für mich persönlich geht ein erfolgreiches Jahr am Eiger zu Ende. Im Februar der neuen Rekord über die klassische Heckmair Route in 2 Stunden und 47 Minuten und jetzt die erste freie Begehung der neuen und schwersten Route namens „Paciencia“ in der Eigernordwand.
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