10.04.2011, 7 Uhr: Wir verlassen Kathmandu. Morgens herrscht hier bereits reger Verkehr. Unser Minivan schleust sich durch die engen Strassen. Am Stadtrand passieren wir unzählige Backsteinöfen. Kein Wunder, dass die Luftqualität in Kathmandu miserabel ist. Der schwarze Rauch, der aus den unzähligen Kaminöfen aufsteigt, zusätzlich der ganze Verkehr in der Stadt und dann noch der Staub, der überall aufgewirbelt wird. Die Tage im Hotel haben mir gut getan, aber jetzt bin ich froh, weiterzuziehen. Die Fahrt ist sehr kurzweilig. Don Bowie und ich unterhalten uns. Wir planen die nächsten gemeinsamen Monate. Unser Minivan ist so groß, dass wir es uns bequem machen können. Die fünfstündige Fahrt nach Zangmu vergeht wie im Flug. Zangmu ist die Grenzstadt zwischen Nepal und China. Bevor wir über die Grenze können, müssen wir noch auf unseren Verbindungsoffizier auf der andern Seite warten. Nach dem Mittagessen laufen wir zur Grenze. Unseren komfortablen Bus müssen wir hier zurücklassen und zu Fuss über die Grenze gehen. Auf der anderen Seite werden uns zwei Jeeps abholen. Alles wird kontrolliert, wir müssen genau in der Reihenfolge des Permits einstehen, unser Gepäck wird geöffnet und alles wird unter die Lupe genommen. Bücher sind offenbar besonders interessant. Die chinesischen Beamten schauen sich jedes Buch ganz genau an. Am Ende geht aber alles zügiger als erwartet über die Bühne und wir betreten die tibetische Grenzregion. Schlagartig ändert sich der Charakter der Bauten. Nichts als kalte Betongebäude. Funktionalität, wo man hinschaut, die mich an Moskaus Plattenbauten erinnert. Willkommen im Kommunismus.
Wir müssen die Nacht in Zangmu verbringen. Erst am nächsten Tag fahren wir weiter nach Nyalam, eine knappe Stunde von Zangmu entfernt. Von dort wird’s zu Fuss weitergehen. Unser Verbindungsoffizier benötigt einen weiterer Tag, um die Yaks zu organisieren. 29 Yaks werden wir für unseren Marsch ins Basislager des Shisha Pangma benötigen. Wir werden zu sechst im Basislager sein. Don Bowie und ich sind ein Team. Dann ist Freddie Widmer aus der Schweiz dabei. Er ist Journalist und hat jahrelang für die Basler Zeitung gearbeitet. Immer wieder hat er mir versichert, wie gerne er mal in ein Basislager mitkommen würde. Jetzt ist er auf dem besten Weg. Rob Frost ist ebenfalls mit von der Partie. Er arbeitet für Senders Film. Niklas Hallstrõm aus Schweden und sein Climbingsherpa Furtenji Sherpa bilden ein anderes Team. Dann sind da noch unser Koch, ein Kitchenboy und 1200 kg Material. Ich kann’s kaum erwarten, loszugehen.
Don Bowie ist 41 Jahre alt. Er hat bereits den K2 ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen und war erfolgreich am Gasherbrum 1. Don ist 190 cm groß und wiegt 85 Kilo. Ich verschwinde neben ihm! Seine ruhige Art ist mir sympathisch. Ich bin überzeugt, wir werden uns auch am Berg gut verstehen. Gemeinsam joggen wir auf einen nahegelegenen Hügel. Es tut gut, sich mal wieder die Beine zu vertreten. Als ich auf dem Gipfel ankomme, treffe ich auf zwei Tibeter. Sie haben in einem kleinen Altar ein Feuer entfacht und sitzen jetzt gemütlich unter den Gebetsfahnen. Sie trinken Tibetan Tea, Schwarztee mit Ranziger Butter, einer schneidet gerade ein Stück Fleisch ab und bietet mir es an, aber ich lehne dankend ab. Wäre verlockend, aber ich bezweifle, dass mein Magen mit diesem Fleisch umgehen kann. Auch den Tee lehne ich höflich ab, obschon ich sehr gerne Tibetan Tea trinke. Aber er hätte wahrscheinlich denselben Effekt wie das Fleisch. Neben ihren Teetassen steht jeweils eine Dose chinesisches Redbull, worüber ich unweigerlich schmunzeln muss. Als Don eintrifft, erklärt einer der Tibeter uns den Weg zum Basislager. Vom Gipfel aus lässt sich das Tal gut einsehen, aber leider spricht er kein Wort Englisch. Wir gehen weiter über den Grat zum nächsten Gipfel, bevor wir absteigen. Um 13.30 Uhr gibt’s Mittagessen. Das chinesische Essen ist sehr fein. Ich mag das System, Reis und dann verschiedene Teller mit Gemüse Fleisch Tofu, Pilze und so weiter. Man nimmt sich etwas Reis in seine Schale und drapiert ihn mit allem, worauf man Lust hat. Die Schalen sind klein, so hat man die Möglichkeiten, mehrere Varianten zu essen, ohne dass man sich vollstopft. Wir trinken Sprite dazu, etwas Westliches, um unsere Wurzeln nicht ganz zu vergessen. Das einzige, was mir weniger gut gefällt: alles hier ist recht stark verschmutzt. Ich hoffe, wir überstehen unsere köstlichen Mahlzeiten ohne größere Magenprobleme!
Am Morgen des 13. verlassen wir Nyalam. Zunächst fahren wir 2 km auf einem Lastwagen, bis die Strasse abrupt endet. An unserem Halt warten auch schon die Yaks und ihre Yaktreiber. Das Wetter scheint nicht auf unserer Seite zu sein. Der Himmel ist bedeckt und Cirren lassen Niederschlag ahnen. Die Yaktreiber kümmert das wenig. Jetzt werden alle Lasten noch einmal gewogen. Mit der Waage der Tibeter. Ein reges Treiben, Diskussionen. Wir stehen daneben und lassen das ganze geschehen. Am Schluss steht fest, es braucht 2 Yaks mehr! Um weitere Verzögerungen zu vermeiden, bezahle ich noch einmal 200 Dollar für die extra Yaks. Nachdem alles geregelt ist, setzen sich alle zusammen und es wird erst mal ein Tee getrunken und eine Zigarette geraucht. Erst danach fangen die Treiber an, ihre Yaks zu beladen. Währenddessen beginnt es, zu schneien. Wir marschieren schon mal los. Die Karawane setzt sich hinter uns in Gang. Das Wetter ist grauenhaft, und wir rechnen jeden Augenblick damit, dass es zum Streik kommt. Aber er bleibt aus. 7 Stunden laufen wir durch dichtes Schneegestöber. Sicht praktisch null. Auf 4730 Meter ist dann Feierabend. Es ist schon halb acht, und wir beschließen zu rasten. Alles läuft reibungslos, sogar die Yaktreiber legen noch mal einen Zahn zu, jeder will, so schnell es geht, in ein Zelt. Wir essen erst um 23.00 Uhr zu Abend, so lange dauert es, bis alles bereit ist. Die Nacht durch schneit es ziemlich stark. Am Morgen aber sieht es so aus, als würde es aufreissen. Zum Glück. Es dauert eine Ewigkeit, bis wir weiter gehen können. Die Tibeter laufen sicher nicht Gefahr, einen Herzinfarkt vom vielen Stress zu erleiden, eher Lungenkrebs vom vielen Rauchen. Es ist Mittag, als wir endlich weiterziehen. Jetzt gehen drei Yaks ohne Lasten voraus, um den andern eine Spur zu machen. Zusätzlich hilft uns die Sonne, der Schnee schmilzt, und wir kommen gut voran. Ich geniesse es, in dieser Karawane zu gehen. 31 Yaks, 11 Yaktreiber und unser Team. Nicht zu vergessen die zwei tibetischen Hunde. Das Basislager liegt auf 5306 Meter am Rande eines Sees. Ein wunderbarer Platz. Die Landschaft hier ist sehr offen. Kein enges Tal, im Gegenteil, weite grosse Flächen bilden das Tibetische Hochplateau, das von den höchsten Bergen der Erde begrenzt wird.
Wir haben unser Basislager erreicht. Ab jetzt bestimmen wir wieder den Rhythmus. Basislager am See    Tibeter-Pause  Tibeter Waage  
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19.04.2011 Erfolg am Shisha Pangma
Der Berner Bergsteiger Ueli Steck (34) ist erfolgreich zu seiner neunten Himalaya-Expedition gestartet. Er durchstieg die über 2000 Meter hohe Südwestwand des Shisha Pangma, des mit 8027 m vierzehnthöchsten Bergs der Welt, in zehneinhalb Stunden – im Alleingang. Steck hat damit seine Idee „Speed“ erfolgreich von den Alpen in den Himalaya umgesetzt: Grosse Schwierigkeiten in grossen Höhen klettern zu können, und zwar möglichst schnell.
Ueli Steck hatte sich einen Monat lang im Khumbu Valley auf der Südseite des Mount Everest (Nepal) akklimatisiert und war am 10. April von Kathmandu aus zum Shisha Pangma aufgebrochen. Der Shisha Pangma ist der einzige vollständig in Tibet (China) liegende Achttausender. Zwei Tage dauerte der Anmarsch zum Basislager (5250 m), nach zwei weiteren Tagen begab er sich mit seinem kanadischen Partner Don Bowie ins vorgeschobene Basislager (5800 m) am Wandfuss. Bowie fühlte sich aber zu wenig gut akklimatisiert und gesundheitlich angeschlagen, sodass er auf einen Versuch verzichtete und sich angesichts des günstigen Wetterfensters mit Steck darauf einigte, dass dieser den Alleingang versuchen sollte. Am Samstag um 22.30 startete Steck, nach zehneinhalb Stunden hatte er die 2000 Höhenmeter der Südwestwand durchstiegen, stand am frühen Morgen auf seinem dritten Achttausender und war nach weniger als 20 Stunden bereits wieder im Lager.
Ueli Steck und Don Bowie setzen nun ihre Expedition fort und versuchen gemeinsam die Besteigung des Cho Oyu von der Nordseite aus; der Cho Oyu ist mit 8201 m der sechsthöchste Berg der Welt.
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21.04.2011 Detailbericht/Erfolg Shisha Pangma
Zurück im Basislager. Die angekündigte Schlechtwetterfront hat uns erreicht. Ich bin froh, in meinem warmen Schlafsack im Zelt zu liegen. Alles ging Schlag auf Schlag und sehr spontan. Am Tag nach Erreichen des Basislagers steigen mein Partner Don Bowie, Rob Frost, der Kameramann, und ich ins sogenannte Vorgeschobene Basislager oder ABC. Unsere Rucksäcke sind schwer beladen. Wir gehen zum Akklimatisieren. Wir haben reichlich Essen dabei und ein grosses komfortables Zelt. Der Aufstieg dauert ca. 3 ½ Stunden. Von hier ist der Wandfuss in ca. 2 ½ Stunden erreichbar. Don und ich sind überwältigt von der Wand. Sieht prächtig aus. Wir besprechen das weitere Vorgehen. Don hat sich im Unterschied zu mir noch nicht an die dünne Luft gewöhnt, er braucht noch etwas Zeit. Ich habe einen Monat im Khumbu Valley verbracht, theoretisch könnte ich einen Gipfelversuch wagen. Bin mir dabei aber auch nicht ganz sicher. Im Khumbu Valley hatte ich mit dem Cholatse eine Höhe von 6440m erreicht. Ob das ausreicht oder nicht - schwer zu beurteilen. Don will erstmal zwei Nächte hier auf 5800 Meter übernachten. Ich habe den Wetterbericht, und er verspricht für Sonntag perfektes Wetter. Praktisch Windstill auf 8000 Meter und mit -12 °C relativ warm für diese Jahreszeit. Wir sind neugierig auf die Bedingungen in der Wand. Für Don ist klar: ein weiterer Tag im Lager. Ich würde gerne mal die Wand anschauen. Also frage ich Don, ob es ihn stressen würde, wenn ich die Wand anschaue? Er antwortet, ich solle unbedingt gehen, wenn möglich bis zum Gipfel. Ich bin skeptisch. Ich denke nicht, dass ich bereits zum Gipfel aufsteigen kann. Und zudem sind wir zu Zweit hier, wir wollen gemeinsam klettern. Er betont noch einmal, dass ich gehen soll, ich solle es versuchen.
Klar, es ist ein grosser Traum von mir, eine grosse Himalaya-Wand solo zu durchsteigen. Am Liebsten in einem Tag. Aber ich sehe darin eine Idee, die ich sehr wahrscheinlich nie umsetzen kann. Don und ich sind uns einig, dass ich mal die Bedingungen in dieser 2000 Meter hohen Wand auskundschafte. Rob und Don stimmen darin überein, dass ich auf den Gipfel gehen solle. Mein Plan ist es, die Bedingungen auszukundschaften, bis auf 7000 oder vielleicht 7200 Meter und dann wieder abzusteigen, um so eine zusätzliche Akklimatisation zu haben.
22.30 Uhr am Abend verlasse ich das Lager. So früh, um unbedingt vor dem Sturm zurück zu sein.Nach 5 Minuten höre ich Don hinter mir: „Hey Ueli!“ Ich drehe mich um. „Die brauchst Du sicher,“ und er gibt mir meine Daunenhosen. Ich habe sie im Zelt liegen lassen. Das fängt ja gut an. Jetzt habe ich hoffentlich alles. Ich steige weiter ab bis zu den kleinen gefrorenen Seen unterhalb des Gletschers. Hier mache ich einen Halt und wechsle meine Schuhe. Ich habe bereits im Zelt meine Übergamaschen auf die Schuhe montiert. Das heisst, mit diesen Übergamaschen kann ich nur mit Steigeisen klettern, so die Moräne abzusteigen, wäre mühsam gewesen. Darum habe ich die Schuhe auf den Rucksack gebunden und bin mit den Turnschuhen abgestiegen. Jetzt bin ich am Rand des Eises und ziehe die Expeditionsschuhe an. Weiter geht es über den Gletscher. Der Mond leuchtet so hell, dass ich die Wandkonturen erkennen kann. Ich sehe aber auch die gefürchteten Seracs über mir. Einfach so schnell wie möglich an den Einstieg, denke ich mir. Aber erst nach 2 ½ Stunden erreiche ich den Bergschrund. Ich klettere eine Rinne hoch. 55 Grad steil, perfekte Schneeverhältnisse, wie am Cholatse ein paar Wochen zuvor. Ich komme ruhig und stetig voran. Ich schaue mich um, das Mondlicht leuchtet die ganze Wand aus. Wie praktisch. Ich steige hoch zur Traverse in der Britischen Route. Vor der Traverse bemerke ich bereits Steinschlag. Und das mitten in der Nacht. Nein, ich gehe ganz sicher nicht in dieses Couloir, wenn es schon jetzt Steine hagelt. Was, wenn erst einmal die Sonne in die Wand scheint. Absteigen? Ich schaue auf den Höhenmeter: erst 6800 Meter. Mein Minimalziel sind 7000. Rechts neben mir zieht eine breite Schneerinne weiter. Das scheint mir aussichtsreicher. Ich kann auch nichts Beunruhigendes hören. Aber ich habe keine Ahnung, wo diese Rinne endet. Minimum 200 Meter kann ich hier noch Hochsteigen, denke ich, dann hätte ich ja auch die gewünschte Akklimatisationshöhe erreicht. Ich gehe weiter. Es läuft wie von selbst. Ich bin schnell unterwegs. Ich habe weder das Gefühl intensiver Anstrengung noch, dass ich mich ausgesetzt in einer hohen Wand befinde. Ich habe ein vertrautes Gefühl, bin eins mit dem Ganzen. Ich steige noch ein bisschen. Ich sehe, wie über mir das Schneecouloir im steilen Fels endet. Ich klettere rechtshaltend in ein weiteres Couloir. Die Neigung ist gemächlich, meisten um die 55 vielleicht 60 Grad. Meine Waden machen sich langsam bemerkbar. Zwischendurch ist die harte Schneeauflage durch Eis unterbrochen, aber meist nur für kurze Zeit. Ich befinde mich jetzt schon über 7200 Meter. Umdrehen? Ich habe meiner Frau versprochen, keine Solos mehr zu machen. Aber das hier ist kein echtes Solo. In diesem Gelände würde man auch in Seilschaft nicht wirklich sichern. Man verliert dabei zu viel Zeit, und es ist nicht unbedingt nötig. Ich halte das für vertretbar, und ich sehe schon den Ausstieg. Rauf oder runter. Runter ist auch weit. Also weiter rauf ! Die Wand wird etwas steiler. Die Luft ist jetzt schon recht dünn, und über mir treffen die ersten Sonnenstrahlen auf den Grat! Die Rinne verengt sich. Jetzt befinde ich mich in einem schmalen Couloir. Der Ausstieg ist nicht mehr weit, und die Eisauflage ist zum Teil recht dünn. Ich spüre eine gewisse Müdigkeit, aber nicht schlimm. Die Pickelschläge sind immer noch präzise, ich treffe das Eis exakt dort, wo ich will. Ich suche immer kleine Mulden im Eis oder Stellen, wo das Eis etwas heller ist, sprich weniger hart. Das Effizienteste ist, wenn die Pickelhaue mit einem Schlag fest im Eis steckt. Auf dem Grat herrscht jetzt Windstille, und die Sonne versprüht ein warmes Gefühl. Von hier geht es noch weit über den Grat zum Gipfel. Ich lasse all mein Material zurück. Die paar Kilo sind zwar nicht viel, aber trotzdem ist es deutlich weniger anstrengend, ohne jeglichen Ballast zu klettern. Ich schaue noch einmal, ob sich meine Kamera erholt hat. Aber die kalten Temperaturen der Nacht haben meine Kameraakkus erschlaffen lassen. Kein Strom mehr. Meter für Meter keuche ich über den Grat, quere, steige wieder höher bis zum Hauptgipfel. Es ist ziemlich genau 11.40 Uhr als ich den höchsten Punkt erreiche. Ich schaue kurz rum und steige gleich wieder runter. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir. Ich muss heute noch bis zurück in Vorgeschobene Basislager. Meteotest hat mir eine Warnung aufs Satellitentelefon geschickt. „Der Jetstream hat einen Schwenk gemacht, du musst unbedingt vor Montagmittag zurück sein. Sturm und eine Schlechtwetterfront.“ Ziemlich schnell bin ich wieder bei meinem Rucksack. Die Sonne brennt, ich trinke einen Schluck Energiedrink. Der Abstieg zum Sattel ist der reinste Horror. Hier auf der Nordseite liegt hüfttiefer Pulverschnee. Ich bereue, dass ich nicht dieselbe Route abgestiegen bin wie beim Aufstieg, jetzt muss ich bis zu diesem Sattel auf ca. 7200 Meter. Hier sind auch die Britten abgestiegen, dafür müssen sie einen Grund gehabt haben. Als ich im Sattel ankomme, traue ich meinen Augen nicht. Zuerst geht’s durch eine schmale Rinne aus losem Gestein, ziemlich steil. Dann wechseln sich Schnee, Eis und Fels ab. Die Rinne will und will einfach nicht enden. Danach bin ich in einem breiten Couloir. Relativ gute Firnverhältnisse, aber so steil, dass ich alles rückwärts abklettern muss. Überall hängen alte Reste von Fixseilen. Immer wieder pausiere ich. Ich muss mich konzentrieren. Dann klettere ich wieder weiter. Weit unter mir ist der etwas flachere Gletscher, er kommt aber nur zögerlich näher. Schritt für Schritt geht es nach unten. Dann wird der Firn etwas weicher. Ich kann auf meinen Frontzacken runterrutschen. Ich schlage nur meine Eisgeräte ein, um nicht zu schnell zu werden. Das ganze braucht enorme Kraft in den Waden, um die Füsse stabil zu halten. Dafür geht es jetzt recht zügig. Ich erreiche den Gletscher, hier muss ich wieder zur Aufstiegsroute queren und dann wieder runter zum Einstieg. Es sind immer noch fast 1000 Höhenmeter, die mich vom Einstieg trennen. Auf dem Gletscher bin ich extrem wachsam. Ich kontrolliere jeden Schritt, schaue auf die grelle Schneefläche. Hier hat es Spalten und ich muss aufpassen, dass ich nicht in ein Loch falle. Ich gehe etwas langsamer, um meinen Weg zu kontrollieren. In der Einstiegsrinne nehme ich meine gesammelten Titan-Eisschrauben zu Hand und mein 4mm 60 Meter Seil. Ich seile mich so weit ich kann ab. Mein Material reicht nicht ganz bis zum Schluss. Aber die letzten 200 Meter sind nicht mehr so steil und ich erreiche den Einstieg. Ich bin heilfroh. Ab jetzt gibt es keine technischen Probleme mehr bis zu unserem Zelt. Ich gönne mir wieder einmal ein Energieriegel und ziehe endlich meine Daunenhosen aus. Schon seit Stunden schwitze ich in diesen Hosen, aber irgendwie wollte ich einfach so schnell wie möglich runter, erst jetzt nehme ich mir die Zeit, die Hosen auszuziehen. Wie erlöst steige ich ab zur Moräne. Am Anfang des Gletschers, bei den kleinen Seen, habe ich in der Nacht meine Turnschuhe deponiert. Die Stelle habe ich mit einem Steinmann markiert. Aber weit und breit ist kein Steinmann zu sehen. Ich muss mein GPS zur Hilfe nehmen, um meine Turnschuhe zu finden. Ich nehme mir Zeit, koche etwas Tee. Ich bin seit über 18 Stunden unterwegs und hatte dabei 1 ½ Liter getrunken. 1 Liter Tee rinnt schnell die Kehle runter. Noch einen Riegel und dann packe ich meinen Rucksack. Die Expeditionsschuhe binde ich auf den Rucksack. In Turnschuhen zu gehen ist angenehm. Ich fühle mich viel schneller und wendiger. Obschon ich ziemlich langsam die Moräne zum Vorgeschobenen Basislager hochsteige. Es geht besser als ich gedacht habe, ich bin müde aber nicht fix und fertig. 18.30 Uhr sitze ich im Zelt. Tee kochen, Essen, Trinken. Don und Rob hier zu sehen ist schön. Zwei Freunde, mit denen ich all meine Erlebnisse der letzten Stunden teilen kann. Ich schreibe Nicole noch ein SMS: „Bin zurück im ABC.“ Dass ich auf dem Gipfel war, soll sie morgen mit Blumen erfahren.
Route

Rob Frost, Ueli Steck und Don Bowie, ABC Ueli und Don checken die Route

Ueli and Don auf dem Weg ins ABC

Ueli Steck Shisha Pangma Südwand 5800 Meter

Ueli Steck vor dem Gipfelgrat

Ueli Steck auf dem Weg zurück ins ABC

Expedition zusätzlich unterstützt durch:

26.04.2011 Perfekter Tag
Es war ein vollkommener Tag, einfach alles hat gepasst. Der Mond hat die Wand bis kurz vor Tagesanbruch beleuchtet. Das Wetter war perfekt, -12 °C auf 8000 Meter, so früh im Jahr, das ist kaum zu glauben. Ich hatte nicht geplant, auf den Gipfel zu gehen. Ich hatte auch nicht geplant, die Shisha Pangma Südwand solo zu klettern. Nein, ganz und gar nicht. So etwas lässt sich nicht von langer Hand planen. Ich habe mich bewusst entschieden, nicht mehr solo zu klettern. Denn ich bin mir sicher, irgendwann käme der fatale Fehler. Aber heute, heute war es unausweichlich. Dabei hat es sich gar nicht angefühlt wie ein Solo. Ich war fast 20 Stunden am Berg, schöne Stunden. Für mich der ideale Tag, die ideale Begehung. Genau das, was Bergsteigen schön macht. Es war anstrengend, aber ich musste nicht leiden. Es war anders als am Makalu. Ich hatte weder Kopfschmerzen noch Brechreiz, nur am Schluss etwas Durst, aber auch da hätte ich mir eine halbe Stunde Zeit nehmen können, um Schnee zu schmelzen. Aber der Durst war erträglich, sonst hätte ich es getan.
Ich habe mich den äusseren und inneren Bedingungen angepasst. Nach knapp 20 Stunden war ich wieder in meinem Schlafsack im ABC. Ich realisiere es noch gar nicht. Alles ging zu schnell und zu einfach. Im Nachhinein wird von Rekord gesprochen. Die Leute wollen wissen, welche Route ich geklettert bin. Ich hatte keine Ahnung, ich musste selbst schauen, wo ich durchgeklettert bin. Ich weiss nur, dass ich auf der Britischen Route gestartet bin, den Rest habe ich nach Gefühl entschieden. Die Zeit, zu der ich den Bergschrund überschritten habe, die hat mir Don später genannt. Er hat mich beobachtet. Auf dem Gipfel habe ich auf die Uhr geschaut, weil ich wissen wollte, wie viel Zeit ich noch zur Verfügung habe, um abzusteigen. Ich war erleichtert, mir blieb noch viel Zeit. Trotzdem, ich kannte den Abstieg nicht, darum bin ich sehr wahrscheinlich keine 5 Minuten da oben gewesen. Ich wollte wieder zurück. ABC war mein Gipfel, den habe ich um 18.30 Uhr erreicht. Was für eine Erleichterung.
Jetzt bin zurück in Nyalam, exakt sieben Tag später. Ich würde am liebsten nach Hause fahren. Nein, nicht weil ich es leid bin. Aber kann ich noch einen 8000er mit einem ähnlich guten Gefühl besteigen? Ohne zu leiden, einfach nur spüren, wie alles aufgeht? Im Moment sehe ich das als Höhepunkt. Ich denke, ich kann das nicht mehr toppen, eine solche Wand, solche Bedingungen. Ich spürte eine enorme Leichtigkeit, diese Leichtigkeit, ich denke, sie ist der Lohn des Trainings. Es hat mir einfach Spass gemacht, zu steigen. Ein ungeplanter, aber perfekter Tag.
Hier in Nyalam spüre ich noch eine grössere Befriedigung. Ich habe Zeit, über viele Dinge nachzudenken. Und ich weiss, wie ehrgeizig ich bin. Ich spüre, dass ich mich aus dieser Situation befreien muss. Leute erwarten von mir immer mehr. Ich habe noch einmal mehr erreicht. Genau 3 Tage nach meinem Gipfelerfolg klettert Daniel Arnold in 2h 28min die Eigernordwand. 19 Minuten schneller als ich. Ich wusste es und ich habe es immer gesagt, der Moment kommt. Er hat im Hinterstoisser-Quergang und nach dem Quarzriss Fixseile benutzt, ich habe alles frei geklettert. Er ist im Frühjahr geklettert, ich im Winter. Es lässt sich kaum vergleichen, für den einzelnen Bergsteiger bleibt das Erlebnis einzigartig. Für den Aussenstehenden zählt das Vergleichbare, die Zeit. Die Gefühle, die Eindrücke, das ist es, was wirklich zählt. Ich bemühe mich, Bergsteiger zu inspirieren, neue Ideen zu bringen. Was ich mache, können andere auch, und noch viel besser. Ich werde nicht versuchen, diesen Rekord zu brechen. Ich habe mein nächstes Ziel ein paar Tage zuvor erreicht. Ich habe die Effizienz genutzt, an einem 8000er. Alles, was auf dieser Expedition noch kommt, kann ich gelassen angehen, ich bin zufrieden. Ich kann nicht mehr erreichen, nur noch den nächsten Gipfel, um danach wieder abzusteigen und von vorne anzufangen. Im Moment habe ich das Gefühl, mit dem Shisha Pangma den Zenit erreicht zu haben, aus sportlicher Sicht. Es ist wichtig, irgendwann zufrieden zu sein. In meinem Herzen bin und bleibe ich Bergsteiger, es gibt noch viele Ideen. Aber für mich ist der Punkt erreicht. Höher und schneller geht es für mich persönlich nicht mehr. Aber vielleicht kann ich auch in Zukunft inspirieren!
Expedition zusätzlich unterstützt durch:

29.04.2011
Ueli erzählt über die Vorbereitung am Shisha Pangma.
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