Makalu Westpfeiler Solo (8463m) Drucken E-Mail

20. August 2009

Ueli Steck ist heute zusammen mit dem Photographen Robert Bösch und dem Bergführer Andy Wälchli Richtung Nepal gestartet. Das Projekt Makalu Westwand beginnt und dauert voraussichtlich bis ca. Ende Oktober 2009.

Der Makalu ist mit einer Höhe von 8463 Metern der fünfthöchste Berg der Welt. Er liegt östlich des Mount Everest an der Grenze zwischen Nepal und China.
Die Erstbesteigung erfolgte im Mai 1955 durch eine neunköpfige französische Expedition unter Leitung von Jean Franco, bei der es – erstmalig bei einem Achttausender – allen Expeditionsteilnehmern gelang, den Gipfel zu erreichen. Als Erstbesteiger werden aber meist nur die Bergsteiger Lionel Terray und Jean Couzy gezählt, die am 15. Mai den höchsten Punkt erreichten. Einen Tage später standen Jean Franco, Guido Magnone und der Sherpa Gyalzen Norbu auf dem Gipfel, der am 17. auch von Jean Bouvier, Serge Coupé, Pierre Leroux und André Vialatte erreicht wurde. Der Weg führte über den Makalu La und wird heute als „Franzosenroute“ bezeichnet.
1971 war es wieder eine französische Expedition, die den Westpfeiler bestieg. Eine neue Route, die  enorme technische Schwierigkeiten aufweist. Yannick Seigneur und Bernard Mellet hatten eine grandiose schwere Linie realisiert. Bewertung: VI / A2 und dies auf 7500 Metern über Meer. Ein Meilenstein im Alpinismus.
Der Makalu wurde im Jahr 1975 durch Marjan Manfreda erstmals ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen.
Die Westwand des Makalu gilt aus bergsteigerischer Sicht als eines der grössten „Probleme“ im Himalaja. Die Wand wurde bis jetzt noch nie erfolgreich direkt zum Gipfel bestiegen. Die Höhe, die Kälte und die starken Winde machen dieses Projekt zu einer grossen Herausforderung in der heutigen Zeit. Eine Route, wie die direkte Linie zum Gipfel an der Annapurna Südwand sowie dieses Unterfangen, gelten als die grössten Herausforderungen im heutigen Bergsteigen.


Projekt Makalu Westpfeiler Solo – Motivation und Ziele

Einmal mehr hat sich Ueli Steck ein grosses Ziel vorgenommen. Diesmal steht aber nicht eine Erstbegehung im Vordergrund. Sein Vorhaben ist es, den Westpfeiler des Makalus Solo und ohne jegliche Unterstützung am Berg zu begehen. Der Westpfeiler ist eine der wirklich grossen Routen an einem 8000er. Solo eine solche Route zu klettern, braucht viel Mut und Erfahrung. Und um genau das geht es im Bergsteigen. Der Mut, etwas zu wagen, sich mit einem möglichen Erfolg oder Scheitern auseinander zu setzten und sich dieser Aufgabe zu stellen. Bis heute ist es in der Geschichte des Bergsteigens nur einer handvoll Bergsteigern gelungen, eine anspruchsvolle Route an einem 8000er Solo zu klettern. Pierre Béghin, Tomasz Humar oder Reinhold Messner sind Bergsteiger, die sich diesen Traum verwirklichen konnten.
Die Ausgesetztheit auf dieser Höhe ist enorm und der psychische Druck immens. Ab 6000 Metern dringt man in eine Gegend vor, wo der Mensch völlig auf sich alleine gestellt ist. Im Zeitalter des Satellitentelefons kann man sich am Südpol oder am Nordpol mit dem Helikopter retten lassen. Ab 6000 Metern ist die Rettung per Hubschrauber nicht mehr möglich. Eine Rettung durch Bergsteiger auf einem ausgesetzten Grat wie der Westpfeiler des Makalus ist praktisch unmöglich.
Ueli Steck möchte erneut etwas wagen, was vor ihm noch kein Bergsteiger erreicht hat. Die Vorbereitungen und der Trainingsaufbau sind erfolgreich verlaufen. Ueli Steck will sich nicht auf andere verlassen. Er muss und will neue Wege gehen, Grenzen verschieben, um so den Gipfel zu erreichen.

Akklimatisation
Ueli Steck reist bereits akklimatisiert in die Region des Makalu. Die Anreise von Kathmandu über Tumlingtar erfolgt mit dem Flugzeug, danach geht es in einem 10-tägigen Fussmarsch Richtung Basislager des Makalus.

Die Wetterverhältnisse werden entscheiden, wann ein Einstieg sinnvoll sein wird. In dieser Jahreszeit ist die Luft trockener aber kälter und die Winde sind ein wichtiger und nicht zu unterschätzender Faktor.





Expedition Makalu Westpfeiler Solo (8463m)


1. September 2009 – Ankunft im Basislager (5250 Meter über Meer)

Endlich sind wir am Fusse des Bergs angekommen. Der zehn tägige Anmarsch war nicht immer sehr angenehm. Der Monsun ist noch immer voll in seinem Element. So waren wir eigentlich die ganze Zeit ziemlich feucht und nass. Die Blutegel haben uns zum Glück grösstenteils verschont. Ich bin mit fünf Stück bis ins Basislager gekommen.

Heute haben wir uns hier auf 5250 Meter eingerichtet.  Im Moment ist ein Teil unserer Ausrüstung noch auf 4745 Meter deponiert. Die letzte Etappe führt über den Barungletscher. Für diesen Aufstieg stehen uns sieben Sherpas zur Verfügung, die unser ganzes Material hoch schleppen. Ca. zehn Lasten à 25 kg müssen jetzt noch hochgebracht werden.

Für Röbi, Andy und mich beginnt jetzt die Akklimatisationsphase. Röbi und Andy werden sich an der Erstbegeher-Route von 1955 versuchen. Mein Plan ist weiterhin der Westpfeiler Solo und im Alpinstil zu probieren. Vieles wird von den Verhältnissen und dem Wetter beeinflusst. Wir wären nicht die ersten, die scheitern. Unsere Motivation ist gross. Wir freuen uns auf die Zeit am Berg. Wir werden uns im Basislager erst einmal richtig einrichten und uns ein paar Ruhetage gönnen. Kaji – unser Koch - wird uns dabei mit seinen kulinarischen Kochkünsten verwöhnen.

Im Moment sieht der Wetterbericht ziemlich durchzogen aus. Das war aber vorhersehbar. Wir sind bewusst sehr früh unterwegs. Das Wetter sollte sich ab Mitte September stabilisieren. Bis dahin werden wir uns sicherlich noch mit der Feuchtigkeit des Monsuns abfinden müssen. In dieser Zeit kann sich aber unser Körper an die Höhe gewöhnen. Sobald sich dann hoffentlich das Wetter stabilisiert, sind wir  bereit, um in die Höhe zu steigen.  Ab circa Mitte Oktober sind die Winde auf 8000 Meter meistens zu stark, um eine Gipfelchance zu haben.  D.h.: unsere Gipfelchancen werden voraussichtlich zwischen Mitte September und Mitte Oktober sein. Hoffen wir das Beste.


Makalu               

Robert Bösch und Andy Wälchli      


Basislager






Expeditionsmaterial






Expedition Makalu Westpfeiler Solo (8463m)


6. September 2009 – Makalu Basislager

Am 4.9. erreichte ich 6700 Meter auf dem Westpfeiler. Vorher habe ich unterhalb des Jumeaux I eine komfortable Nacht auf 6000 Meter verbracht. Meine Motivation war riesig. Ich habe mich sehr gut gefühlt und ich bin überzeugt, dass ich von der Gasherbrum II Expedition viel mitgenommen habe. Dabei hatte ich die Gelegenheit, den Pfeiler ausgiebig von nah zu studieren. Die Route sieht schwer aus. Steile Fels- und Eiskletterei auf über 7500 Meter.  Meine Freude war fast grenzenlos. Das Wetter war sehr gut und die Schneeverhältnisse sensationell. Da Meteotest auf Samstag schlechtes Wetter ankündigte, bin ich noch am selben Tag, also am Freitag, abgestiegen. Es war ein guter Ausflug zum Akklimatisieren und die Route zu studieren.
Jetzt ist Sonntag. Die ganze Nacht hat es geschneit. Wir sitzen alle im Basislager. Die Wetterprognosen sehen sehr schlecht aus und es sieht ganz danach aus, als ob wir für eine Woche dazu verdammt sind, einfach abzuwarten. Das heisst: Tee trinken, Bücher lesen und dabei die Motivation nicht verlieren. Durch den Nebel sind immer wieder eindeutige „Wumm“-Geräusche zu vernehmen. Ein Zeichen von grösseren Lawinen.  Irgendwann wird es aber bestimmt wieder besser. Bis dahin müssen wir abwarten.





Expedition Makalu Westpfeiler Solo (8463m)


9. September 2009 – Makalu Basislager

Der täglich Basecamp-Rhythmus hat mich bereits wieder eingeholt. Wir sitzen hier und warten gespannt auf den Wetterbericht. Im Moment sieht es etwas trostlos aus. Wir versinken im Schnee. Gestern hat es kurz mal etwas Sonne gegeben. Dabei stiegen die Temperaturen im Zelt durch die Sonneneinstrahlung auf bis zu 40 Grad. Hier auf 5250 Meter herrschen selten angenehme Bedingungen: entweder es ist kalt oder heiss.
Im Moment sind wir zum Lesen, Essen und „Café“-Trinken verdammt.  Doch der Wetterbericht lässt uns hoffen. Ich hoffe nur, dass in der Höhe nicht allzu viel Schnee gefallen ist. Als ich auf 6700 Meter war zum akklimatisieren, herrschten fast perfekte Bedingungen.
Ich bin gespannt wie es da oben aussehen wird.

Bericht von Meteotest von heute 9.9.09
„Die Modelle zeigen verstärkte Feuchtezufuhr aus Süden für heute Mittwoch. Das Wetter sollte bis Sonntag von Tag zu Tag etwas besser werden (geringeres Schauerrisiko, weniger Wolken, längere sonnige Abschnitte). Nach dem heutigen Stand sollte ab Montag 14.09 das Wetter dann recht sonnig sein mit ein paar Quellwolken.
Zum Wind: Der Wind ist und bleibt schwach bis und mit Dienstag 15.09. (um 20-30 km/h Mittelwind), danach nimmt der Wind zu. Gegen Ende der nächsten Woche dürfte der mittlere Wind dann etwa 40-50 km/h auf Gipfelhöhe erreichen. Ich hab die Windlevels vom Everest beigefügt, da sie für den Makalu nicht verfügbar sein. Die Werte dürften aber repräsentativ für den Makalu sein.“



Basislager

Basislager




Expedition Makalu Westpfeiler Solo (8463m)


14. September 2009 – Makalu Basislager

Tonaufnahme von Ueli aus dem Basislager


Am Samstag um 00.30 Uhr bin ich Richtung Westpfeiler gestartet. Ich bin direkt aufgestiegen zu meinem kleinen Zelt auf 6700 Meter. Eigentlich handelt es sich mehr um eine Überschreitung als nur ein Aufstieg. Der Weg zum eigentlichen Westpfeiler führt über die beiden Jumeaux. Das sind zwei Gipfel: einer 6220 Meter hoch und dann hinunter und über den Zweiten von 6462 Meter, bevor ich dann eigentlich zum Makalu komme. Ein weiter Weg mit einem 20 kg schweren Rucksack. Für  den Anmarsch bis zu meinem Zelt benötigte ich geschlagene neun Stunden. Müde von dem Aufstieg erreichte ich etwas verspätet zum „Znüni“ den Lagerplatz.  Das Zelt ragte noch aus dem Schnee. Ich hatte so meine Zweifel: Nach der letzten Woche war ich nicht mehr sicher, ob ich mein Zelt überhaupt je wieder finden würde! Ich war erstmals froh, alles unversehrt vorgefunden zu haben.
Nach einem langen Tag des Wartens folgte erneut eine kurze Nacht. Am Sonntag um 3.00 Uhr habe ich begonnen, mir das Frühstück warm zu machen. Café und Müesli. Um 4.00 Uhr bin ich weiter aufgestiegen. Mein Plan war, bis auf 7600 Meter zu klettern, dort einen Kocher und Gas zu deponieren, und dann wieder zurück zu gehen auf 6700 Meter. Ab 6900 Meter nahm die Schneemenge bedrohlich zu: Bodenloser Neuschnee. Auch in den steilen Felspassagen war der Fels mit einer dicken Schneeschicht verklebt. Ich musste die Felsen regelrecht frei schaufeln, um überhaupt Halt zu finden. In den Couloirs und auf den Schneefeldern bin ich immer wieder mühsam im Pulverschnee zurückgerutscht. Eine nervenaufreibende Angelegenheit, denn man weiss nie genau, wieso es wieder anhält in diesem losen Untergrund. Solche Bedingungen lassen dich schneller älter werden als dir lieb ist!!
Auf 7200 Meter musste ich dann endgültig aufgeben. Aussichtslos, um einen Gipfelversuch zu probieren. Ich musste umdrehen. Zurück auf 6700 Meter. Im ersten Moment war ich am Boden zerstört. Müde völlig ausgepowert. Für 500 Höhenmeter brauchte ich viereinhalb Stunden.  Ich war nahe dabei, mein Zelt abzuräumen, und das ganze Material mit hinunter zu nehmen. Am liebsten wäre ich am nächsten Tag nach Hause geflogen!
Nach langem Hin und Her habe ich beschlossen, nicht so schnell aufzugeben!  Zur Zeit liegt eindeutig sehr viel Neuschnee. Um eine schwere Route oder auch nur eine einfache Route zu klettern, sind die Bedingungen am Berg im Moment aussichtslos! Aber es kann sich ja alles noch ändern!
Während meines Abstieges hatte ich Funkkontakt mit Röbi und Andy. Sie sind auf der Normalroute unterwegs und auch sie versinken im Neuschnee!  
Heute Montagmorgen, nach 12 Stunden erholsamen Schlafs, bin ich um 8 Uhr mit schweren Beinen aufgestanden. Meine Motivation war so ziemlich auf dem Nullpunkt. Jetzt sieht die Welt schon wieder etwas besser aus. Für diese Woche kann ich sicher nichts unternehmen. Das Handeln liegt bei der Natur. Der viele Neuschnee muss sich erst einmal etwas setzen. So bin ich auf weiteres gezwungen, nichts zu tun, als zu warten.



Expedition Makalu Westpfeiler Solo (8463m)


20. September 2009 – Makalu Basislager

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf 5250 Meter über Meer im Basislager des Makalu. Der Gipfel, der über mir ragt, ist 8463 Meter hoch. Exakt 3213 Meter liegen jetzt gerade zwischen mir und meinem Wunschziel.

Vor genau einer Woche war ich am Fusse des Westpfeilers. Auf 6700 Meter habe ich ein Lager aufgestellt. Voller Motivation war ich da oben. Ich wollte das Projekt zu Ende führen. Ich war bestens vorbereitet. Morgens um 3.00 Uhr bin ich losgeklettert. Ich war mir sicher: „Steck klettert jetzt den Westpfeiler, solo und ohne fixe Seile auf den Gipfel.“ Doch es kam alles anders.
Die erheblichen Neuschneemengen zeigten mir deutlich, wo meine Limiten liegen. Dabei habe ich gekämpft. Ich habe nicht aufgegeben. Es liegt nicht in meiner Natur, einfach so schnell zu sagen, dass es nicht geht. Ich weiss genau: Würde ich nicht das Letzte aus mir herausholen, würde ich das Ganze abbrechen und dann zu Hause in der warmen Stube sitzen: Ich würde mich dafür schämen!
Ich bin regelrecht durch den Schnee gewatet. Im ersten Teil ging das noch. Danach kamen die ersten Felsaufschwünge. Der Monsunschnee klebte sogar in den senkrechten Wandstellen bis zu 30 cm. Es blieb mir dabei nichts anderes übrig, als den Schnee weg zu graben, um die darunter versteckten Felsstrukturen zu finden, die mir dann den nötigen Halt gaben, um weiter zu klettern. Auf jetzt schon 7000 Meter eine mühsame Angelegenheit. Das ist wie die Eiger Nordwand bei richtig schlechten Bedingungen. Wäre ich zu Hause am Eiger, schiesst es mir durch den Kopf, ich würde sofort absteigen und nach Hause fahren, ein Café trinken und am Nachmittag in die Kletterhalle gehen.

Die erste Felsstufe ist überwunden. Ausser Atem stehe ich oben. Jetzt geht es nach rechts. Ich muss vom Grat in die Flanke steigen. Ein 45 bis 50 Grad steiles Schneefeld. Der Schnee ist tief. Ich probiere es. Die Lawinensituation ist sicher am Limit. Die Schneekristalle sind durch die Kälte nicht verbunden. Nur lose und locker. Ich krieche, bin am Anschlag meiner Kräfte, gehe aber weiter. 7100 Meter. Die Flanke Endet in einer steileren Rinne. Da hinüber muss ich kommen.
Sobald es steiler wird, rutsche ich immer wieder zurück in dieser losen Masse aus Schnee. Jedes mal bleibt mir das Herz stehen.  Manchmal rutsche ich einen Meter runter, manchmal zwei. Dabei ist jeder Muskel in meinem Körper angespannt. Wieso es dann wieder
(Bild: 13.9.2009 – 7200 Meter)
zum Stillstand kommt: ich habe keine Ahnung. Sobald ich stehen bleibe, löst sich die Anspannung, und der Puls in meinem Kopf beginnt zu hämmern.
Eine Verschnaufpause. Danach steige ich in dieser Rinne, die wie eine Rutschbahn vor mir ist, wieder hoch und ich versuche, weiter zu gehen. Immer und immer wieder. Meine Nerven liegen blank. Das Ganze wiederholt sich immer wieder. Dann die nächste Felsstufe. Wieder Schnee wegräumen. Nach der Felsstufe wieder ein Schneehang.
Diese lose Masse macht mich psychisch fix und fertig. Ich weiss nie, ob ich fest am Berg stehe, oder ob ich einfach im nächsten Moment aus der Wand gleite. Ständige Anspannung herrscht. Die Schneemenge nimmt von Meter zu Meter zu. Auf 7200 quere ich wieder auf die Pfeilerkante in der Hoffnung, dass dort etwas weniger Neuschnee liegt. Über einen Felsaufschwung stehe ich nun auf einem kleinen abschüssigen Podest. Dieser erlaubt mir, den Rucksack abzulegen, und an einem meiner Eispickel zu sichern.
Ich gönne mir ein halben Liter zu trinken und ein Müesliriegel und hoffe dabei, dass ich wieder etwas zu Kräfte komme und mich etwas erholen kann. Der Blick nach oben ist vernichtend. Der Pfeiler steckt tief im Winterkleid. Der Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich viereinhalb Stunden für 500 Höhenmeter gebraucht habe. Das Wetter: tiefblauer Himmel. Mein Selbstvertrauen steht am Tiefpunkt. Was soll ich machen? Weitergehen oder abbrechen?
Nervlich bin ich schon lange am Ende. Die Ungewissheit, nie zu wissen, worauf ich stehe und ob die Schneefläche nicht gleich nachgibt, macht mich fertig.
Ohne Seil zu klettern, ist zwar psychisch anspruchsvoll. Doch dabei kann ich meine Haltepunkte einschätzen. Ich sehe Griffe und Tritte. Vielleicht befinde ich mich tausend Meter über dem Abgrund. Mein ganzes Gewicht hängt an einer 7 mm breiten Felskante. Diese Felskante sehe ich. Ich kann urteilen, ob sie fest ist oder nicht. Ich weiss, ob ich sie festhalten kann. Egal wie gross sie ist, aber ich kann es beurteilen.
Hier bin ich seit Stunden in dieser unsicheren Umgebung. Ich kann es definitiv nicht mehr beurteilen. Ich beschliesse umzudrehen! 7200 Meter und ich steige wieder ab.
Der Abstieg wird zum selben Nervenkrieg. Ich habe das Zeitgefühl verloren und ich merke nur noch, wie ich mich verkrampft nach unten bewege. Abklettere. Bei meinem Lagerplatz auf 6700 Meter angekommen, setzte ich mich in den Schnee. Meine Euphorie von gestern Abend ist weg. Ich trinke einen Schluck aus meiner Flasche. Zum ersten Mal seit langem befinde ich wieder an einem sicheren Punkt. Keine Spur von Erleichterung.
Jetzt beginnen meine Gedanken, auf Hochtouren zu kreisen. Was mache ich eigentlich hier? Ich lasse die letzten Stunden Revue passieren. Ich ärgere mich über mich selber!
Es ist sonnenklar: Bei solchen Verhältnissen am Berg eine derart schwierige Route zu klettern, ist unmöglich. Und wieder denke ich: „Du bist einfach zu schwach!“, „ Hast du einfach zu wenig Wille?“  Bestimmt eine Stunde sitze ich da oben. Am liebsten würde ich gleich am nächsten Tag nach Hause fliegen!
Nach einer Stunde beginne ich, mein Material in meinen Rucksack zu verstauen. Sämtliches Material. Ich will nur noch absteigen und am liebsten aufhören mit Bergsteigen. Ich sehe keinen Grund wieso nicht!
Der halbe Rucksack ist bereits gefüllt und ich habe bereits begonnen, das Zelt abzubauen. Ich fange mich! Es ist erst der 13. September. Ich habe im Minimum noch einen Monat Zeit. Ich packe meinen Rucksack wieder aus. Im Moment habe ich absolut keinen Plan, wie ich den Westpfeiler klettern soll. In einem Monat kann sich aber viel ändern.
Ich verankere das Zelt und verstaue mein Material darin. Vielleicht wird es ja noch einmal besser. In der jetzigen Situation glaube ich absolut nicht daran! Ich beginne den Abstieg ins Basislager mit gemischten Gefühlen und bei schönstem Wetter!
Ist es nötig, sich solchen Risiken auszusetzen? Ich bin deprimiert. Voller Zuversicht und Motivation bin ich dieses Projekt angegangen. Und jetzt scheint alles vorbei zu sein.
Meine Gedanken drehen sich im Kreis.
Um 12.00 funke ich mit Andy Wälchli. Er und Robert Bösch sind auf der Normalroute unterwegs. Sie versinken ebenfalls im Schnee. Ein kleiner Trost für mich. Sie erreichen 6500 Meter an diesem Tag. Noch weniger hoch als ich. Robert steigt am nächsten Tag noch bis auf 6800 Meter hinauf, bevor auch er aufgibt. Also liege doch nicht so falsch.

Zurück im Basislager, bin ich erstmals erleichtert. Ich gönne mir eine Dusche. Es gibt „Gschwellti“ mit Käse und Trockenfleisch. Ich weiss nicht genau, was ich machen soll.
Am nächsten Morgen kommt auch Andy zurück. Und am darauf folgenden Tag dann Robert. Wir beraten uns. Wir sind uns einig, dass bei diesen Bedingungen, eine Begehung aussichtslos ist. Zumindest ist das Wetter gut. Die Sonne scheint und wir haben keinen Niederschlag mehr. Diese Situation ist fast noch unerträglicher: Hier bei diesem Wetter im Basislager zu sitzen, und
zu warten.
In der Nacht plagen mich die Gedanken. Ich bin hin und her gerissen. Die Geschichte des Bergsteigens zeigt aber deutlich, dass an einem Berg, der über 8000 Meter hoch ist, alles stimmen muss. Und Tatsache ist: Im Moment stimmt eigentlich gar nichts. Auch meine Psyche  ist am Anschlag. Ich überlege mir alle möglichen Optionen. Vielleicht eine Route in der Südwand? Da ist die Sonneneinstrahlung erheblich grösser. Die Schneeumwandlung geht schneller voran. Ich könnte einfach vom Westpfeiler hinüber queren.
Am Ende verwerfe ich diesen Gedanken wieder. Wenn es schon am Westpfeiler nicht geht, geht es an der Südwand sicher auch nicht.
Ich entschliesse mich, noch einmal zu meinem Lager auf 6700 Meter hoch zu steigen. Eigentlich eine Überschreitung von zwei 6000er: „Jumeaux Eins“ und „Jumeaux Zwei“.

Andy begleitet mich dabei! Es ist Mittwoch, der 16. September. Die Spuren vom Sonntag sind immer noch gleich. Das heisst: an der Schneelage hat sich absolut noch nichts geändert!
Ohne Gepäck sind wir morgens um 6.00 Uhr auf 6700 Meter. Es herrscht beissende Kälte. Die Sonne versteckt sich immer noch hinter dem Makalu.
Ich packe schnell, so dass wir nicht lange in dieser Kälte ausharren müssen. Ich bin froh, dass Andy bei mir ist. Seine Präsenz verleiht der ganzen Situation eine ganz andere Atmosphäre. Ich lasse Zelt und Proviant oben. Ich nehme aber die gesamte Daunenausrüstung mit nach unten ins Basislager.
Nach langem Nachdenken bin ich zum Schluss gekommen, dass die Möglichkeit eines erfolgreichen Gipfelaufstiegs über den Westpfeiler bei solchen Bedingungen unmöglich ist.  Auf der Normalroute ist es sicher schneller möglich. Wenn überhaupt. Eine Chance lasse ich mir aber für den Westpfeiler noch offen. Essen, Zelt und Kocher bleibt hier oben auf 6700 Meter.  Wir steigen wieder ab.

Jetzt sitze ich wieder im  Basecamp und bin froh, mein Material hinunter geholt zu haben. Ich habe jetzt alle Möglichkeiten offen. So wie es im jetzigen Augenblick ausschaut, ist eine Begehung am Westpfeiler eine Illusion. Nur ein Traum. Die Normalroute: Wenn wir Glück haben, könnte es eine Chance geben. Wir haben sicher noch drei Wochen Zeit, bis der Jetstream die Winde auf Achttausend Meter ansteigen lässt und dadurch eine Besteigung des Gipfels verunmöglicht. Drei Wochen, wie auch immer.
Das Wichtigste ist, dass wir alle gesund nach Hause kommen. Und um eine Erfahrung reicher werden wir allemal sein. Ich habe da oben schon einmal meine Grenzen erfahren.

Es ist Sonntag. Gespannt brüten wir über dem Wetterbericht.
Eigentlich wollten Robert, Andy und ich gestern Samstag starten. Das Wetter sah so aus, als werde es sowieso nur besser. Dann am Samstag eine Mitteilung von Meteotest. Die Modelle überschlagen sich. Es kommt noch mal eine Störung rein. Montag, Dienstag. Wieder Abbruch.
Doch das Wetter ist alles andere als schlecht.
Sollen wir dem Wetterbericht glauben oder nicht? Erneutes Warten. Wenn Meteotest wirklich recht hat, und wir trotzdem aufsteigen und es gibt sie tatsächlich, diese erheblichen Niederschläge: Dann sitzen wir da oben fest. Die Lawinengefahr würde akut sein. Also warten wir besser, auch wenn diese Störung nicht so ergiebig sein wird, wie angenommen.
Lieber hier unten im Basislager bleiben und uns vielleicht etwas nerven, als irgendwo da oben sein und die Prognose mit den Niederschlägen bewahrheiten sich.
Ein Wetterbericht ist eben immer nur eine Prognose. Aber diese Prognosen können entscheidend sein. Sie können uns vor unangenehmen und kritischen Situationen bewahren.

Montag Nachmittag, 21. September 2009, SMS von Ueli:
„Robert, Andy und ich sind unterwegs auf der Normalroute. Wir haben Camp 1 erreicht auf 6000 Meter. Morgen geht es weiter zum Camp 2.“




Expedition Makalu Westpfeiler Solo (8463m)


25. September 2009 – Gipfelerfolg für Ueli Steck am Makalu (8463 Meter) über die Normalroute

Gestern, Donnerstag 24. September 2009 erreichte Ueli Steck über die Normalroute den Gipfel des 8463 Meter hohen Makalu. Der Makalu ist der fünfthöchste Berg der Welt. Er liegt östlich des Mount Everest an der Grenze zwischen Nepal und China.

Zusammen mit Robert Bösch brach er am 24. September um 3 Uhr morgens von Lager 3 auf 7350 Meter auf. Unterwegs lag viel viel Schnee. Robert Bösch kehrte auf einer Höhe von ca. 7900 Metern um.

Um ca. 15 Uhr stand Ueli Steck am 24. September auf dem Gipfel. Er stieg er noch am selben Tag wieder zurück ins Lager 3 auf 7350 Meter.

Heute, 25. September 2009 waren sie wieder zurück im Basislager.




Expedition Makalu Westpfeiler Solo (8463m)- Abschlussbericht


8. Oktober 2009

Seit einer Woche bin ich zurück in der Schweiz. Meine angefrorenen Füsse erholen sich langsam und ich habe bereits wieder mit dem Klettertraining begonnen. Der Alltag schleicht sich langsam wieder ein. Dennoch: Ich brauche diese Pause dringend. Der Makalu hat mich bis aufs Letzte gefordert.

Die Expedition war – trotz der Tatsache, dass ich den Gipfel des Makalu nicht über die ursprünglich geplante Route über den Westpfeiler erreicht habe – ein grosser Erfolg. Die Bedingungen waren auf der Normalroute bereits sehr schwierig, so dass eine Begehung über den Westpfeiler schlicht unmöglich war.

Von Lager zwei auf ca. 6500 Meter kämpften Robert Bösch und ich uns Richtung Gipfel. Wir wechselten uns immer wieder ab in der Spurarbeit. Stets waren wir am überlegen, wo die Sonne bereits am längsten auf die Schneeflächen geschienen hat, oder der Wind bereits Schnee abgeblasen hat oder – noch besser – wo Lawinen bereits über die Hänge abgerutscht waren und den Schnee weggeräumt haben, um so herauszufinden, wo am wenigsten Schnee liegen würde. Zusammen haben wir uns auf diese Art und Weise bis auf 7100 Meter hinaufgespurt und sind dann zurück ins Lager zwei abgestiegen. Immer neben der Spur, damit die Tritte vom Aufstieg nicht zerstört würden. Auf diese Weise hatten wir beim Wiederaufstieg tags darauf bereits festen Boden unter Füssen.
Am folgenden Tag beschliesst Andy nicht weiter aufzusteigen. Seine gesundheitlichen Beschwerden sind zu stark, um einen weiteren Aufstieg zuzulassen. Röbi Bösch und ich steigen alleine weiter auf. Das letzte Lager (Nr. 3), errichten wir auf einer Höhe von 7350 Metern. Von da waren es noch genau 1113 Meter bis Gipfel. Wieder und wieder kämpfen Röbi und ich uns durch die knietiefen Schneemassen. Draussen ist es noch stockdunkel. Um 3 Uhr morgens sind wir losmarschiert. Während einer Pause muss ich meine Füsse massieren. Röbi nimmt sich meinem rechten Fuss an, der sich bereits sehr hölzern anfühlt. Zusammen steigen wir bis auf 7900 Meter auf. Röbi entscheidet dann, abzusteigen. Es sei zu spät für ihn. Ich gebe mir Zeit bis 16 Uhr. Bin ich dann nicht auf dem Gipfel, kehre ich ebenfalls um. Ich denke, dass ich auch in der Nacht absteigen kann, da es ja bereits eine Spur gibt. So ziehe ich weiter. Meter um Meter. Die Sonne blendet, spendet aber nur wenig Wärme. Ich kämpfe. Versuche zu trinken und zu essen. Die Luft ist dünn. Endlos zieht sich der Grat dahin, der auf dem Gipfel endet. Ich schaue schon gar nicht mehr nach oben. Dann endlich bin ich oben angekommen. Der Gipfel ist Messerscharf. Dass ich nun da oben stehe, auf dem Gipfel des Makalu, auf 8463 Meter über Meer fühlt sich als nichts Aussergewöhnliches an. Schnell mache ich noch ein Selbstportrait, ziehe die dicken Fäustlinge an und steige ab.

Der Berg hat mich bis aufs Letzte gefordert. Noch jetzt spüre ich die Auswirkungen der enormen Belastung. Noch nie in meinem Leben habe ich so gekämpft. Es war am Ende eine reine Kopfsache. Mein Verstand sagte mir schon lange, ich solle dieser Quälerei ein Ende setzen. Der Wille trieb mich aber auf den Gipfel.

Wir sind alle gesund wieder zurück in der Schweiz. Meine Zehen erholen sich ganz langsam. Dank Röbi, der grossartige Spurarbeit geleistet hat und mir in grosser Höhe noch kräftig mein Zehen massiert hat, stand ich am Ende überhaupt da oben. Ich bedaure es sehr, dass er es nicht auf den Gipfel geschafft hat. Es wäre ein toller gemeinsamer Erfolg gewesen.
Danke auch an Andy. Auch er hat seinen Teil dazu beigetragen, dass ich auf dem Gipfel stand.

Herzlichen Dank für Eure vielen Mails und Eure  moralische Unterstützung während der letzten beiden Expeditionen!

Euer Ueli Steck