Ueli Steck und Stephan Siegrist vor Himalaya Expedition Print Email

16.03.2003

Neuer Angriff auf Rekordwand

Die Jannu-Nordwand ist mit ihren 3000 Metern die höchste Felswand der Welt - und noch unbestiegen. Zwei Oberländer nehmen einen neuen Anlauf, eines der letzten grossen «Himalaya- Probleme» zu lösen.

 

Rolf Hafner

Der Jannu (7710 Meter) im unzugänglichen Garhwal-Himalaya wurde zwar schon 1962 durch eine französische Expedition bestiegen, doch seine Nordwand trotzt noch immer allen Versuchen. So auch im letzten Herbst, als der Gsteigwiler Ueli Steck und Extrem-Alpinist Erhard Loretan auf einer Höhe von 6600 Metern durch die grosse Lawinengefahr gestoppt wurden. Schon damals planten die zwei einen weiteren Versuch. Und tatsächlich: Am 13. März werden sie wieder nach Nepal aufbrechen. Mit dabei sind auch der Interlakner Stephan Siegrist - bekannt durch seine Eiger- und Cerro-Torre-Erfolge - sowie Fréderic Roux aus Verbier.
Allein der Weg von Kathmandu an den Fuss des Jannu ist lang, beschwerlich - und nicht ganz ungefährlich: Zuerst muss eine dreitägige, abenteuerliche Busfahrt überstanden werden. Dann folgt ein neuntägiger Marsch zum Basislager (4800 Meter). Bis dort werden Träger das Expeditionsmaterial von rund einer Tonne transportieren.

Schlafen in Schneehöhle?
Bereits der Aufstieg zum Lager 1 (5600 Meter) beinhaltet Stellen im fünften Schwierigkeitsgrad. Auf 6800 Meter soll Lager 2 auf einem Gletscherplateau installiert werden. Was danach folgt, ist absolutes Neuland. «Wir wissen nicht einmal, ob wir im oberen Wandteil überhaupt ein drittes Lager einrichten können», rätselt Ueli Steck, «wahrscheinlich müssen wir schon froh sein, eine Schneehöhle graben zu können.» Für ein Portalegde (hängendes Zelt) dürfte es nach Ansicht von Stephan Siegrist zu kalt in der Wand sein.
Die Kälte ist ohnehin eines der Hauptprobleme. Steck erinnert sich mit Schrecken an den letzten Herbst, als er nur mit Windstopper-Handschuhen zu klettern versuchte - ganz so, wie er schon den Mount Dickey in Alaska bei -25 Grad (!) bestiegen hatte. «Am Jannu ging es aber nicht. Unmöglich. Im Schatten der Wand war es noch um einiges kälter», erinnert sich der 26-jährige Gsteigwiler an die «Tiefkühltruhe» von einem Berg.
Im Frühling sollten die Temperaturen allerdings nicht mehr so tief fallen. Auch dürfte die Lawinengefahr weniger gross als im (schneereichen) Herbst sein. Dafür ist das Wetter im Frühjahr nicht so beständig. Um eine echte Gipfelchance zu haben, müssten die vier Bergsteiger ab Lager 2 eine ganze Woche gutes Wetter haben. «Wenn der obere Wandteil gut vorbereitet ist, dürften auch drei Tage reichen», hofft Stephan Siegrist, der nach seinen Patagonien-Expeditionen unfreiwillig zum Schlechtwetterspezialisten mutierte.


Sogar Messner beeindruckt
Nebst der Kälte warten auch jede Menge technischer Schwierigkeiten auf die Kletterer. Ueli Steck rechnet im kombinierten Gelände mit dem Maximalwert von M6. Im oberen Wandbereich «droht» dann reine Felskletterei mit senkrechten bis überhängenden Passagen. Kombiniert mit Höhe und Kälte ergibt sich ein Mix aus Problemen, der bis jetzt mehr als zwölf Expeditionen abblitzen liess. Sogar Reinhold Messner zeigt sich beim Stichwort Jannu-Nordwand äusserst beeindruckt: «Das ist ein sehr, sehr anspruchsvolles Unternehmen. Und ein äusserst gefährliches dazu.» In die gleiche Kerbe hieb US-Bergsteiger Mark Synott, der Siegrist per Mail über seine Jannu-Erfahrungen im letzten Frühjahr informierte. Fazit: «Extrem gefährlich wegen Steinschlag und Lawinen.» Dennoch ist das Rennen um die Jannu-Nordwand voll entbrannt. So ist für Herbst eine russische Expedition geplant; die Russen waren bereits in der Vormonsun-Zeit gescheitert.
Die Kosten für die Kleinexpedition betragen rund 50 000 Franken. Ihren Anteil bringen Siegrist und Steck nur mühsam mit Sponsorengeldern (Victorinox, Mammut, Grivel) zusammen. «Aber wir gehen ja auch nicht an den Jannu, um Geld zu verdienen», meint Siegrist trocken. Viel lieber möchten sie Berggeschichte schreiben.

 


TT-Oberland, 06. März 2003
 

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